<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">
	<channel>
		<title><![CDATA[claws & fangs - Townsend]]></title>
		<link>https://claws.test.stories-untold.de/</link>
		<description><![CDATA[claws & fangs - https://claws.test.stories-untold.de]]></description>
		<pubDate>Mon, 02 Nov 2026 15:52:28 +0000</pubDate>
		<generator>MyBB</generator>
		<item>
			<title><![CDATA[if i was meant to be controlled i would have come with a remote]]></title>
			<link>https://claws.test.stories-untold.de/showthread.php?tid=597</link>
			<pubDate>Tue, 27 Oct 2026 10:25:46 +0000</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://claws.test.stories-untold.de/member.php?action=profile&uid=78">Briar Blackbeak</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://claws.test.stories-untold.de/showthread.php?tid=597</guid>
			<description><![CDATA[Als Briar die Räumlichkeit betrat, erklangen von allen Seiten die unterschiedlichsten Geräusche. Schweres Atmen, das dumpfe <i>Buff</i>, das gleichermaßen durch Schläge gegen gepolsterte Kissen wie auch durch das Fallen schwerer Körper auf Matten erzeugt wurde. Dazwischen vereinzelte Zurufe, das Quietschen von Schuhsohlen auf dem Boden und das metallische Klirren von Gewichten, die nach ihrer Benutzung nicht immer mit besonderer Rücksicht auf das Material abgelegt wurden. Die Filteranlagen sorgten für saubere, frische Luft und doch lag ein Hauch von Schweißgeruch darin. Nicht so ausgeprägt, dass die Mediale angewidert ihre Nase verzog, aber deutlich genug, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, wo sie sich befand: In der Trainingshalle.<br />
<br />
Ein Ort, in den sie freiwillig nicht wirklich einen Fuß setzen würde. Zumindest nicht, um an dem schweißtreibenden Training teilzunehmen, dem die Söldner hier frönten. Und gewiss nicht, um sich mit ihren Rudelgefährten ein <i>freundschaftliches Sparring</i> zu liefern. Allein die Bezeichnung erschien ihr ausgesprochen widersprüchlich, denn sie konnte beim besten Willen nichts Freundschaftliches daran erkennen, seinem Gegenüber die Faust in die Magengrube zu rammen, nur um sich anschließend grinsend auf die Schulter zu klopfen. Nein, danke. Sie kämpfte nicht mit ihrem Körper. Ihre bevorzugten Waffen waren Worte und diese waren immer bis zur absoluten Perfektion geschliffen, geschärft und darauf ausgelegt, möglichst tödlich zu treffen. Schnell und sauber, ohne dabei unnötig Energie zu verschwenden. <br />
<br />
Damit sie sich anschließend wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen konnte.<br />
<br />
Wie der Akquise neuer Versuchskaninchen … <i>Testpersonen</i>. Irgendwann würde sie es noch schaffen, ihre freiwilligen Probanden nicht mit hirnlosen, primitiven Nagern zu vergleichen, die einzig und allein dazu existierten, ihrer wissenschaftlichen Neugierde als Untersuchungsobjekte zu dienen und unterschiedlichste Prozeduren über sich ergehen zu lassen. Irgendwann. Zumindest dem Stolz ihrer Versuchs… personen zuliebe. Wobei sie ohnehin nicht verstand, weshalb manche Menschen derart empfindlich auf eine vollkommen harmlose Bezeichnung reagierten. Schließlich beabsichtigte sie weder, ihnen Fell wachsen zu lassen, noch sie in irgendwelche Käfige zu sperren. Und wenn sich ihre Versuchsteilnehmer anschließend wieder ihrem Alltag widmeten, konnten sie sogar behaupten, einen wertvollen Beitrag zur medizinischen Forschung geleistet zu haben. Das war doch ausgesprochen entgegenkommend von ihr.<br />
<br />
Sie hielt das Holopad in ihren Händen und strich sich eine Strähne hinter das Ohr, die sich aus dem schwarzen ClawClip gelöst hatte, der ihr Haar am Hinterkopf im Zaum hielt – wohl eher weniger als mehr erfolgreich – und betrachtete ein weiteres Mal die Akten, die sie sich herausgesucht hatte. <br />
Einige Rekruten, Söldner aus den unteren und mittleren Rängen, die aufgrund ihrer Fitness und bevorzugten Tätigkeiten im Heimatterritorium eine wesentlich verlässlichere und sicherere Zielgruppe darstellten als jene, die sich ständig in aktiven Einsätzen befanden. Nicht, dass sie grundsätzlich etwas gegen erfahrene Soldaten einzuwenden hatte, doch regelmäßige Auslandseinsätze, unvorhersehbare Verletzungen und die damit verbundenen medizinischen Interventionen waren Variablen, die sie in dieser Phase ihrer Forschung möglichst ausschließen wollte.<br />
<br />
<!-- start: charactertagger_tag_link_plain -->
<a href="member.php?action=profile&amp;uid=85" class="tag" title="Cyrel Ashborne" data-uid="85">Cyrel</a>
<!-- end: charactertagger_tag_link_plain --> hatte den Anfang gemacht und sein Implantat schien bisher ausgesprochen gute Ergebnisse zu liefern. <br />
Was weitaus wichtiger war, war jedoch die Tatsache, dass auch die ersten Wandlungen erfolgreich verlaufen waren, ohne dass es zu unerwünschten Reaktionen oder erkennbaren Komplikationen gekommen war. Ein bedeutender Fortschritt, der ihre bisherigen Berechnungen bestätigte und ihr ausreichend Argumente geliefert hatte, um eine Erweiterung ihrer Versuchsgruppe zu beantragen. <br />
Dieser Antrag war genehmigt worden, allerdings unter der ausdrücklichen Voraussetzung, dass sämtliche Teilnehmer ihre Einwilligung freiwillig erteilten. Briar musste die Verhandlungen und Überzeugungsarbeit also selbst in die Hand nehmen, was ihrer Begeisterung für das gesamte Vorhaben einen empfindlichen Dämpfer versetzt hatte.<br />
<br />
Patientenkontakt. <i>Ewh!</i><br />
<br />
Sie war keine nette, fürsorgliche oder besonders mitfühlende Person. Zumindest nicht in jener Form, die andere Menschen offenbar von medizinischem Personal erwarteten. Sie mochte Effizienz, Strukturen und Planbarkeit. Vor allem, wenn es um ihre Arbeit ging. Sie mochte es nicht, wenn ihr unnötig widersprochen wurde oder jemand der Meinung war, ihre kostbare Zeit mit blöden Witzen vergeuden zu müssen, während sie versuchte, eine ernsthafte wissenschaftliche Unterhaltung zu führen. <br />
Auch wenn Cyrels ausgesprochen stoische und ungerührte Haltung sie gleichermaßen irritiert wie fasziniert hatte, denn sie mochte es nicht, wenn Menschen nicht vorhersehbar waren und sie sich anstrengen musste, deren Handlungen zu antizipieren, ohne über ausreichend Daten für eine genaue Auswertung zu verfügen. Dabei war es keineswegs so, dass sie jedem Menschen ihre Individualität absprechen wollte, ganz im Gegenteil. Aber ein Mindestmaß an Berechenbarkeit erleichterte das zwischenmenschliche Miteinander ungemein, insbesondere dann, wenn man überhaupt kein Interesse daran hatte, sich länger als unbedingt notwendig damit auseinanderzusetzen.<br />
<br />
Ihre möglichen Testpersonen hatten deshalb alle eine Gemeinsamkeit: ihre Vorhersehbarkeit und die vergleichsweise einfache Kontrolle ihrer äußeren Umstände. Nicht, weil Briar die Männer selbst kontrollieren wollte, sondern weil sie allesamt ähnliche Routinen, Trainingseinheiten und Schichtpläne besaßen, wodurch sich mögliche Einflussfaktoren auf das Implantat wesentlich zuverlässiger beurteilen ließen. <br />
Sie waren eine gute Kontrollgruppe für den Chip und würden ihr die Möglichkeit geben, genügend Vergleichsdaten zu sammeln, bevor sie ihre Untersuchungen auf weitere Personengruppen ausweitete.<br />
<br />
Mit den Frauen würde sie eine spätere Testreihe beginnen, sobald sie sicher sein konnte, dass die unterschiedlichen Materialien keine unerwünschten Auswirkungen auf den Zyklus oder die hormonellen Abläufe innerhalb des weiblichen Körpers hatten. Auch wenn die Gefahr nach ihren bisherigen Berechnungen verschwindend gering war, bedeutete das schließlich nicht, dass sie vollkommen ausgeschlossen werden konnte. Und gerade weil die Implantate langfristig für einen möglichst großen Personenkreis geeignet sein sollten, mussten auch weibliche Probandinnen in die Studie einbezogen werden. Vor allem weibliche Gestaltwandlerinnen, deren Physiologie während der Wandlungen zusätzliche Anforderungen an die Materialien stellte.<br />
<br />
Tia hatte auf ihrer Liste gestanden ... Der Gedanke schob sich beinahe beiläufig zwischen ihre Überlegungen, brachte ihre Finger jedoch für einen kurzen Moment zum Stillstand. Sie betrachtete die entsprechenden Informationen auf ihrem Holopad und spürte, wie sich etwas Unangenehmes in ihrer Brust zusammenzog. Tia würde keine Veteranin dieser Versuchsreihe mehr sein können und so sehr Briar auch dazu neigte, unangenehme Tatsachen mit nüchterner Sachlichkeit zu betrachten, machte es das nicht weniger bedauerlich. Sie hatte den Namen bisher nicht aus ihrer ursprünglichen Auswahl entfernt, obwohl sie es längst hätte tun müssen. Eine kleine Nachlässigkeit, die vermutlich niemandem außer ihr selbst aufgefallen wäre und der sie auch jetzt keine größere Bedeutung beimessen wollte.<br />
<br />
Sie schloss die Akten und sah auf.<br />
<br />
Ihre Augen durchsuchten den Raum, während sie versuchte, sich einen Überblick über die verschiedenen Trainingsgruppen zu verschaffen. Überall entdeckte sie bekannte Gesichter. Einige waren in Zweikämpfe vertieft, bei denen sie abwechselnd Schläge austeilten und abwehrten, während andere versuchten, sich gegen lange Stäbe zu behaupten, die mit einer Geschwindigkeit durch die Luft schnitten, dass Briar schon vom bloßen Zuschauen unwohl wurde. Wiederum andere seilten sich gerade an den mobilen Einheiten ab, die zu unterschiedlichen Zwecken zusammengebaut werden konnten, sich im unbenutzten Zustand jedoch leicht und schnell verstauen ließen, ohne unnötig Platz einzunehmen. Dennoch waren die verwendeten Materialien derart robust, dass sie selbst Gestaltwandlerkrallen und berserkerhafter Wut standhalten konnten. Eine teure Anschaffung, dessen war sie sich absolut gewiss, jedoch offensichtlich auch eine lohnenswerte.<br />
<br />
Während auf der einen Seite eine glatte Fläche zum Abseilen existierte, kletterten auf der anderen Seite eben jene Soldaten, die gerade den Boden erreicht hatten, über unterschiedliche Griffmulden verschiedenster Größen und Farben wieder nach oben. Einige nutzten dabei nahezu ausschließlich ihre Arme, während andere geschickt die Füße einsetzten und sich mit einer Leichtigkeit bewegten, die beinahe darüber hinwegtäuschte, wie viel Muskelkraft und Körperbeherrschung tatsächlich notwendig waren. Immer wieder wurden einzelne Bewegungsabläufe wiederholt, bis sie sich derart tief in das Muskelgedächtnis eingeprägt hatten, dass die Soldaten im Fall eines aktiven Einsatzes darauf vertrauen konnten, selbst unter enormer körperlicher und psychischer Belastung noch richtig zu reagieren. Briar konnte durchaus nachvollziehen, weshalb diese Form des Trainings einen derart hohen Stellenwert einnahm. Schließlich waren es oft Sekundenbruchteile, die darüber entschieden, ob jemand unverletzt aus einer gefährlichen Situation hervorging oder eben nicht.<br />
<br />
Sie war beeindruckt von der physischen Leistungsfähigkeit der Söldner. Schon immer gewesen. Ganz gleich, ob Männer oder Frauen, Menschen, Mediale oder Gestaltwandler. Alle leisteten in ihren Augen teilweise Unmenschliches und sie selbst konnte bei Weitem nicht einmal ansatzweise mit ihnen mithalten. Selbst wenn sie nur zwei Runden laufen musste, wurde sie bereits nach der ersten von derart unangenehmem Seitenstechen geplagt, dass sie am liebsten ihre eigene Lunge ausgekotzt hätte. Und doch kam es immer wieder vor, dass Dana sie zu genau solchen <i>spaßigen</i> Aktivitäten einlud, bei denen ihre körperlichen Grenzen mit einer Begeisterung ausgetestet wurden, die Briar persönlich für ausgesprochen bedenklich hielt.<br />
<br />
Damit sie nicht einrostete … pha!<br />
<br />
Als könnte man ein hervorragend funktionierendes Gehirn mit einem Stück Metall vergleichen, das bei mangelnder Benutzung irgendwann zu rosten begann. Außerdem war sie Wissenschaftlerin und keine verdammte Elitesoldatin. Wenn sie besonders schnell von einem Ort zum anderen gelangen wollte, gab es dafür hervorragende technische Errungenschaften, die sich Fahrzeuge nannten. Man musste schließlich nicht jede evolutionäre Errungenschaft persönlich beleidigen, indem man sie konsequent ignorierte.<br />
<br />
Sie zupfte gerade an ihrem übergroßen Bandshirt, das sie aufgrund der Temperaturen am Bauch zusammengeknotet hatte, und kontrollierte beiläufig, ob die knappe schwarze Shorts nicht unvorteilhaft an ihren Oberschenkeln klebte, als sie eine Silhouette ausmachte, die ihr für einen winzigen Augenblick den Boden unter den Füßen wegzuziehen schien.<br />
<br />
Ihr Herz setzte aus. Oder viel mehr stolperte es, als hätte es plötzlich vergessen, in welchem Rhythmus es eigentlich zu schlagen hatte, um anschließend mit einer derart unangemessenen Geschwindigkeit weiterzumachen, dass sie sich ernsthaft fragte, ob sie möglicherweise zu wenig getrunken hatte. Eine durchaus plausible Erklärung, schließlich war es warm in der Trainingshalle und sie hatte sich heute Morgen noch nicht besonders intensiv mit ihrer Flüssigkeitszufuhr auseinandergesetzt oder ihrer Nahrungsaufnahme. Ein Nährstoffmangel?<br />
Nur erklärte das nicht, weshalb sich ihr Magen im selben Moment derart unangenehm zusammenzog, dass sie das Bedürfnis verspürte, sich an der nächstbesten Wand abzustützen.<br />
<br />
<i>Rhett.</i><br />
<br />
Natürlich musste ausgerechnet er hier sein. Nicht, dass seine Anwesenheit in der Trainingshalle besonders überraschend gewesen wäre, immerhin war er Söldner und körperliches Training ein fester Bestandteil seines Alltags. Sie hätte sogar damit rechnen müssen, ihn hier anzutreffen. Theoretisch hatte sie das auch getan, nur war es ein gewaltiger Unterschied, sich gedanklich auf eine mögliche Begegnung vorzubereiten oder plötzlich mit der Realität konfrontiert zu werden, die sämtliche sorgsam zurechtgelegten Verhaltensstrategien innerhalb eines einzigen Herzschlags vollkommen nutzlos machte.<br />
<br />
Seine breiten Schultern waren, wie bei vielen anderen Männern, entblößt und er trug lediglich eine Hose, während sein Rücken noch leicht vor Schweiß glänzte. Briar konnte beobachten, wie sich die ausgeprägte Muskulatur unter seiner Haut bewegte, als er seine Haltung gegenüber seinem Sparringspartner veränderte, und obwohl sie sich durchaus bewusst war, dass sie keinerlei Anlass hatte, ihn derart aufmerksam zu mustern, schien es ihr plötzlich unmöglich zu sein, den Blick abzuwenden.<br />
Mit einem Mal wirkte der gesamte Raum wie leer gefegt und ihre Augen nahmen nur noch ihn wahr, obwohl sich an ihrer Umgebung selbstverständlich nicht das Geringste verändert hatte. Die Geräusche waren noch immer vorhanden, die Soldaten gingen weiterhin ihren Übungen nach und selbst die Filteranlagen verrichteten unbeeindruckt ihre Arbeit, doch ihr Gehirn schien beschlossen zu haben, sämtliche nebensächlichen Informationen auszublenden und seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf einen einzigen Mann zu konzentrieren.<br />
<br />
<i>Selektive Wahrnehmung.</i><br />
<br />
Eine vollkommen normale neurologische Reaktion, die vor allem dann auftrat, wenn ein potenziell relevanter Reiz aus einer Vielzahl anderer Umweltinformationen herausgefiltert wurde. Rhett stellte eine Gefahr dar, also war es vollkommen nachvollziehbar, dass ihr Unterbewusstsein ihn augenblicklich erkannte und seine Position innerhalb des Raumes bestimmte. Eine instinktive Schutzreaktion, die ihr die Möglichkeit gab, unangenehmen Situationen frühzeitig aus dem Weg zu gehen. Nichts weiter.<br />
<br />
Zumindest war das die Erklärung, auf die sie sich geeinigt hatte, nachdem ihr irgendwann bewusst geworden war, dass sie praktisch jeden Raum zunächst danach absuchte, ob er sich darin befand. Sie suchte <b>immer</b> nach ihm.<br />
<br />
Ganz egal, ob sie die Gemeinschaftsräume betrat, durch die Flure lief oder sich irgendwo auf dem Gelände aufhielt. Ihre Augen wanderten beinahe unwillkürlich über die anwesenden Personen, bis sie entweder seine vertraute Silhouette entdeckt hatte oder sich davon überzeugen konnte, dass er nicht anwesend war. <br />
Natürlich bedeutete das nicht, dass sie sich nach seiner Gesellschaft sehnte. Es war lediglich eine ausgesprochen praktische Methode, um sicherzustellen, dass sie nicht vollkommen unvorbereitet mit ihm konfrontiert wurde. Wenn sie wusste, wo er sich aufhielt, konnte sie selbst entscheiden, ob sie sich in seiner Nähe aufhalten wollte oder eben nicht. Und in 100% der Fälle entschied sie sich für das <i>nicht</i>.<br />
<br />
Dass sie dennoch manchmal enttäuscht war, wenn sie ihn nicht entdeckte, hatte sie bisher erfolgreich ignoriert. Oder verdrängt. Beides funktionierte ganz wunderbar.<br />
<br />
Es handelte sich schließlich um eine völlig irrationale Empfindung, für die es weder eine vernünftige Erklärung noch irgendeine sinnvolle Verwendung gab. Und Briar hatte grundsätzlich wenig Interesse daran, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sich ihrer rationalen Kontrolle entzogen. Insbesondere dann nicht, wenn sie sich dabei selbst derart fremd vorkam, dass sie gelegentlich das Bedürfnis verspürte, ihre eigenen neurologischen Funktionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen.<br />
<br />
Denn Rhett war nicht einfach nur irgendein Mann, dessen Anwesenheit sie irritierte. Er war eine Gefahr für ihren inneren Frieden.<br />
Eine ausgesprochen widersprüchliche Gefahr, wenn man bedachte, dass sie ausgerechnet in seinen Armen einen Frieden empfunden hatte, den sie zuvor in dieser Form nicht gekannt hatte.<br />
<br />
Und genau das war das Problem.<br />
<br />
Briar konnte sich an jede einzelne Empfindung erinnern, obwohl sie inzwischen mehr als genug Zeit gehabt hatte, die entsprechenden Erinnerungen gedanklich zu archivieren und ihnen einen vollkommen unbedeutenden Platz zwischen all den anderen Erfahrungen ihres Lebens zuzuweisen. Sie wusste noch, wie warm seine Haut gewesen war und mit welcher Selbstverständlichkeit seine Arme sich um sie geschlossen hatten. Wie wenig sie in diesem Moment hatte nachdenken müssen, weil es nichts gegeben hatte, das analysiert, hinterfragt oder vorausberechnet werden wollte. Es hatte keine Erwartungen gegeben, denen sie gerecht werden musste, keine Fragen, auf die sie eine Antwort benötigte, und vor allem nicht das ständige Bedürfnis, ihre Umgebung und die Menschen darin aufmerksam im Blick zu behalten. <br />
<br />
Sie hatte sich sicher gefühlt.<br />
<br />
Nicht auf jene nüchterne Art, auf die sie sich innerhalb des Rudelterritoriums grundsätzlich sicher fühlte, weil sie wusste, dass ihre Rudelgefährten füreinander einstanden und potenzielle Gefahren gemeinsam bewältigten. Es war etwas anderes gewesen, etwas wesentlich Persönlicheres, das sie mit einer Intensität getroffen hatte, die sie weder erwartet noch gewollt hatte. Für diesen einen Moment hatte sie das Gefühl gehabt, vollkommen zur Ruhe kommen zu dürfen, ohne dafür irgendetwas leisten zu müssen. Und sie hatte es genossen.<br />
<br />
Diese Erkenntnis war beinahe schlimmer als die Erinnerung selbst, denn sie konnte sich noch so viele wissenschaftliche Erklärungen zurechtlegen, um die Reaktion ihres Körpers auf körperliche Nähe zu begründen. Die Ausschüttung von Oxytocin, die Regulation von Stresshormonen oder die Aktivierung des parasympathischen Nervensystems waren ihr schließlich keine fremden Begriffe. Sie verstand die zugrunde liegenden Mechanismen durchaus und hätte vermutlich ohne größere Schwierigkeiten einen mehrseitigen Aufsatz darüber verfassen können. Aber keine dieser Erklärungen beantwortete die ausgesprochen unangenehme Frage, weshalb es ausgerechnet Rhett gewesen war, der eine solche Wirkung auf sie hatte.<br />
<br />
Und weshalb sich ein kleiner, vollkommen unvernünftiger Teil von ihr danach sehnte, dieses Gefühl noch einmal erleben zu dürfen.<br />
Ein Teil, den sie am liebsten eigenhändig aus ihrem Bewusstsein entfernt hätte, wenn sich menschliche Emotionen tatsächlich so unkompliziert bearbeiten ließen wie fehlerhafte Datensätze.<br />
<br />
Sie spürte, wie sich eine Gänsehaut über ihre Arme, hinunter zu ihren Beinen zog, obwohl ihr keineswegs kalt war, und umklammerte das Holopad etwas fester. Ihr Puls hatte sich noch immer nicht auf ein vernünftiges Niveau beruhigt und sie war sich schmerzlich bewusst, dass sie sich gerade verhielt wie eines jener emotional vollkommen überforderten Individuen, über deren mangelnde Selbstbeherrschung sie sich sonst mit einer gewissen Überheblichkeit zu amüsieren pflegte. Ausgesprochen peinlich.<br />
<br />
Vor allem, weil sie nicht einmal behaupten konnte, Rhett hätte irgendetwas getan, um diese Reaktion hervorzurufen. Er stand lediglich dort, ging seinem Training nach und hatte vermutlich nicht die geringste Ahnung davon, dass seine bloße Existenz gerade sämtliche vernünftigen Gedankengänge in ihrem Kopf sabotierte.<br />
<br />
Sie musste hier weg.<br />
<br />
Und zwar möglichst schnell, bevor sie sich zu irgendeiner Handlung hinreißen ließ, die sie anschließend bereuen würde. Etwa ihn anzusprechen. Oder schlimmer noch, tatsächlich in seiner Nähe stehen zu bleiben, nur weil sich dieser vollkommen bescheuerte Teil ihres Gehirns offensichtlich einbildete, dass allein seine Anwesenheit bereits ausreichte, um ihr irgendeine Form von Zufriedenheit zu verschaffen. Briar verlagerte bereits ihr Gewicht und war im Begriff, auf dem Absatz kehrtzumachen und ein möglichst unauffälliges, aber ausgesprochen effizientes Rückzugsmanöver einzuleiten, als Rhetts Sparringspartner an dessen breiten Schultern vorbeisah und sie entdeckte.<br />
<br />
<i>Nein, nein, nein.</i> <br />
<br />
Ein breites Lächeln erschien auf dem Gesicht des brünetten Rekruten, der augenscheinlich nicht einmal ansatzweise darüber nachdachte, weshalb sie mitten in einer Trainingshalle stand, ohne auch nur das geringste Interesse an einer der angebotenen Trainingsmöglichkeiten erkennen zu lassen. <br />
<br />
<i>Tu es nicht.</i>, beschrie sie ihn in ihren Gedanken. <br />
<br />
Stattdessen hob er fröhlich eine Hand und setzte zum Winken an, was Briar bereits für eine vollkommen unnötige Form der Kontaktaufnahme hielt, bevor er die Situation mit einer derart beeindruckenden Selbstverständlichkeit verschlimmerte, dass sie ihn am liebsten auf der Stelle erwürgt hätte.<br />
<br />
<i>Wage es ja nicht, du hirnamputierter...</i> <br />
<b>"Briar! Brauchst du etwas?"</b><br />
<i>... Idiot.</i><br />
<br />
Wunderbar. Einfach ganz ausgezeichnet.<br />
<br />
Einige Köpfe drehten sich in ihre Richtung und Briar spürte förmlich, wie ihr sorgfältig geplanter Rückzug innerhalb eines einzigen Augenblicks in sich zusammenfiel. Wunderbar. Einfach ganz ausgezeichnet. <i>Perfekt!</i> Offenbar war es vollkommen unmöglich, sich auch nur wenige Minuten in dieser verdammten Halle aufzuhalten, ohne dass irgendjemand das Bedürfnis entwickelte, ihre Anwesenheit lautstark bekannt zu geben, als wäre sie eine seltene Tierart, deren Sichtung unverzüglich dokumentiert und mit sämtlichen Anwesenden geteilt werden musste.<br />
<br />
Sie strich seinen Namen von der Liste. Ohne zu zögern, ohne schlechtes Gewissen und ganz gewiss ohne die geringste Absicht, ihre Entscheidung später noch einmal zu überdenken. Wer nicht über ausreichend soziale Kompetenz verfügte, um zu erkennen, dass nicht jede Person ihre Anwesenheit öffentlich verkündet haben wollte, musste schließlich auch nicht unbedingt an einer ihrer wissenschaftlichen Studien teilnehmen. Zumindest nicht, solange sie genügend Alternativen zur Verfügung hatte.<br />
<br />
<ina>"Nope, alles bestens."</ina>, gab sie mit einem derart verkniffenen Lächeln zurück, dass sie sich ernsthaft fragte, ob die dafür notwendige Muskelanspannung bereits als Trainingseinheit durchging.<br />
<br />
Innerlich fluchte sie. Lautstark, ausführlich und mit einer Kreativität, die vermutlich selbst einen erfahrenen Söldner beeindruckt hätte, während sie sich mit aller Macht darauf konzentrierte, ihren Blick nicht erneut in Rhetts Richtung wandern zu lassen. Denn nachdem der Rekrut sie nicht nur bemerkt, sondern auch nach ihr gerufen hatte, war die Wahrscheinlichkeit leider ausgesprochen hoch, dass auch Rhett sich inzwischen umgedreht und sie gesehen hatte.<br />
<br />
Und aus irgendeinem Grund machte allein dieser Gedanke alles noch schlimmer.<br />
<br />
Sie wollte ihn nicht ansehen. Wollte ihm auf keinen Fall irgendeinen Anlass geben, zu ihr herüberzukommen, sie anzusprechen oder auch nur auf die Idee zu kommen, dass sie seine Gesellschaft wünschte. Schließlich war sie aus einem vollkommen legitimen, wissenschaftlichen Grund hier und nicht, weil sie ein merkwürdiges Bedürfnis verspürte, ihn aus der Ferne zu beobachten, während er mit nacktem Oberkörper irgendwelche anderen Männer durch die Gegend warf.<br />
<br />
Dass sie dennoch für einen winzigen Moment darauf wartete, seine Stimme zu hören, machte sie beinahe wahnsinnig.<br />
<br />
Es war nicht einmal ein bewusster Gedanke gewesen, sondern vielmehr eine Erwartung, die sich unbemerkt zwischen ihre Überlegungen geschoben hatte. Vielleicht würde er ihren Namen sagen, sich nach dem Grund ihrer Anwesenheit erkundigen oder einfach nur zu ihr herübersehen. Nichts davon wäre ungewöhnlich gewesen, schließlich kannten sie einander und es wäre vollkommen normal gewesen, auf eine bekannte Person zu reagieren. Dennoch ärgerte Briar sich maßlos darüber, dass sie offenbar nicht nur damit beschäftigt war, seine Aufmerksamkeit zu vermeiden, sondern gleichzeitig auf eine Reaktion von ihm hoffte. Was für ein vollkommen bescheuerter Widerspruch.<br />
<br />
Sie wollte ihre Ruhe haben, wollte nicht mit ihm reden und schon gar nicht in eine Situation geraten, in der er ihr womöglich wieder so nahekam, dass sie seinen vertrauten Geruch wahrnehmen konnte. Sie wollte nicht erneut feststellen müssen, wie angenehm sie seine Nähe fand, und noch weniger wollte sie sich eingestehen, dass seine Arme um sie etwas in ihr beruhigten, das sie vorher nicht einmal als unruhig wahrgenommen hatte.<br />
<br />
Aber offensichtlich war ihr Unterbewusstsein anderer Meinung.<br />
Und das machte ihr Angst.<br />
<br />
Nicht jene offensichtliche Angst, die einen Menschen dazu brachte, vor einer unmittelbaren Bedrohung zurückzuweichen, sondern eine wesentlich unangenehmere Form der Unsicherheit, gegen die Briar keine geeignete Verteidigungsstrategie besaß. Sie konnte sich gegen andere Menschen behaupten, konnte Diskussionen führen, bis ihr Gegenüber entnervt aufgab, und war durchaus in der Lage, sich selbst in unangenehmen Situationen mit einer beeindruckenden Portion Sturheit zu behaupten. Was sie jedoch nicht konnte, war ihren eigenen Körper davon überzeugen, dass er gefälligst aufzuhören hatte, ausgerechnet bei Rhett vollkommen unangebrachte Reaktionen zu zeigen.<br />
<br />
Es war ihr zutiefst zuwider, dass sie sich selbst nicht verstand.<br />
<br />
Dass sie ihre Gefühle nicht einfach in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen, sorgfältig untersuchen und anschließend zu einem vollkommen logischen Ergebnis zusammensetzen konnte. Noch schlimmer war allerdings die Erkenntnis, dass ein Teil von ihr vielleicht gar keine Erklärung wollte, sondern sich schlicht danach sehnte, diese angenehme Ruhe noch einmal zu erleben. Als wäre es vollkommen gleichgültig, welche Konsequenzen das mit sich bringen könnte, solange sie für einen weiteren Augenblick nicht das Gefühl hatte, jede einzelne Regung ihrer selbst kontrollieren zu müssen.<br />
<br />
Und Rhett war gefährlich. Für sie, für ihre Gedanken und für jenen inneren Frieden, den sie sich über Jahre hinweg mühsam geschaffen hatte, indem sie sich auf die Dinge konzentrierte, die sie verstehen und beeinflussen konnte. Es war beinahe eine Beleidigung ihrer eigenen Intelligenz, dass ausgerechnet ein Mann dafür sorgte, dass dieses sorgfältig aufgebaute Gleichgewicht ins Wanken geriet, ohne überhaupt etwas dafür tun zu müssen.<br />
<br />
Briar presste die Lippen aufeinander und zwang sich, die Schultern zu straffen. Sie war schließlich kein liebeskranker Teenager, der beim Anblick eines attraktiven Mannes vollkommen die Fassung verlor. Sie war eine erwachsene Frau, eine Wissenschaftlerin mit einem durchaus beachtlichen Intellekt, die sich nicht von ein paar ausgesprochen lästigen hormonellen Reaktionen vorschreiben lassen würde, wie sie sich zu verhalten hatte.<br />
<br />
<i>Liebeskrank.</i><br />
<br />
Allein die Tatsache, dass ihr Gehirn es gewagt hatte, diese vollkommen unpassende Bezeichnung auch nur in Erwägung zu ziehen, war Grund genug, die gesamte Angelegenheit für beendet zu erklären. Sie verfügte weder über ausreichend Daten, um eine derartige Schlussfolgerung zu rechtfertigen, noch bestand irgendeine Notwendigkeit, sich mit einer Hypothese auseinanderzusetzen, deren bloße Existenz sie bereits derart aus dem Gleichgewicht brachte.<br />
<br />
Nein. Sie würde sich jetzt wieder ihrer Arbeit widmen, ihre Liste mit geeigneten Probanden überarbeiten und zu einem späteren Zeitpunkt zurückkehren, wenn die Wahrscheinlichkeit einer unerwünschten Begegnung deutlich geringer war. Das war vernünftig, effizient und angesichts der Umstände die mit Abstand sinnvollste Entscheidung, die sie treffen konnte.<br />
<br />
Dass sie dafür ausgerechnet vor einem Mann fliehen musste, der ihr noch nicht einmal etwas getan hatte, ignorierte sie geflissentlich.<br />
Ebenso wie das verräterische Bedürfnis, sich vor dem Gehen doch noch einmal umzudrehen und nachzusehen, ob er sie beobachtete.<br />
<br />
Also tat Briar das Einzige, was ihr in dieser Situation noch sinnvoll erschien, um wenigstens einen kleinen Rest ihrer mühsam aufrechterhaltenen Selbstbeherrschung zu retten: Sie trat die Flucht an, ehe sie sich selbst noch einen weiteren Grund liefern konnte, an ihrem offenbar ausgesprochen fragwürdigen Geisteszustand zu zweifeln.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Als Briar die Räumlichkeit betrat, erklangen von allen Seiten die unterschiedlichsten Geräusche. Schweres Atmen, das dumpfe <i>Buff</i>, das gleichermaßen durch Schläge gegen gepolsterte Kissen wie auch durch das Fallen schwerer Körper auf Matten erzeugt wurde. Dazwischen vereinzelte Zurufe, das Quietschen von Schuhsohlen auf dem Boden und das metallische Klirren von Gewichten, die nach ihrer Benutzung nicht immer mit besonderer Rücksicht auf das Material abgelegt wurden. Die Filteranlagen sorgten für saubere, frische Luft und doch lag ein Hauch von Schweißgeruch darin. Nicht so ausgeprägt, dass die Mediale angewidert ihre Nase verzog, aber deutlich genug, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, wo sie sich befand: In der Trainingshalle.<br />
<br />
Ein Ort, in den sie freiwillig nicht wirklich einen Fuß setzen würde. Zumindest nicht, um an dem schweißtreibenden Training teilzunehmen, dem die Söldner hier frönten. Und gewiss nicht, um sich mit ihren Rudelgefährten ein <i>freundschaftliches Sparring</i> zu liefern. Allein die Bezeichnung erschien ihr ausgesprochen widersprüchlich, denn sie konnte beim besten Willen nichts Freundschaftliches daran erkennen, seinem Gegenüber die Faust in die Magengrube zu rammen, nur um sich anschließend grinsend auf die Schulter zu klopfen. Nein, danke. Sie kämpfte nicht mit ihrem Körper. Ihre bevorzugten Waffen waren Worte und diese waren immer bis zur absoluten Perfektion geschliffen, geschärft und darauf ausgelegt, möglichst tödlich zu treffen. Schnell und sauber, ohne dabei unnötig Energie zu verschwenden. <br />
<br />
Damit sie sich anschließend wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen konnte.<br />
<br />
Wie der Akquise neuer Versuchskaninchen … <i>Testpersonen</i>. Irgendwann würde sie es noch schaffen, ihre freiwilligen Probanden nicht mit hirnlosen, primitiven Nagern zu vergleichen, die einzig und allein dazu existierten, ihrer wissenschaftlichen Neugierde als Untersuchungsobjekte zu dienen und unterschiedlichste Prozeduren über sich ergehen zu lassen. Irgendwann. Zumindest dem Stolz ihrer Versuchs… personen zuliebe. Wobei sie ohnehin nicht verstand, weshalb manche Menschen derart empfindlich auf eine vollkommen harmlose Bezeichnung reagierten. Schließlich beabsichtigte sie weder, ihnen Fell wachsen zu lassen, noch sie in irgendwelche Käfige zu sperren. Und wenn sich ihre Versuchsteilnehmer anschließend wieder ihrem Alltag widmeten, konnten sie sogar behaupten, einen wertvollen Beitrag zur medizinischen Forschung geleistet zu haben. Das war doch ausgesprochen entgegenkommend von ihr.<br />
<br />
Sie hielt das Holopad in ihren Händen und strich sich eine Strähne hinter das Ohr, die sich aus dem schwarzen ClawClip gelöst hatte, der ihr Haar am Hinterkopf im Zaum hielt – wohl eher weniger als mehr erfolgreich – und betrachtete ein weiteres Mal die Akten, die sie sich herausgesucht hatte. <br />
Einige Rekruten, Söldner aus den unteren und mittleren Rängen, die aufgrund ihrer Fitness und bevorzugten Tätigkeiten im Heimatterritorium eine wesentlich verlässlichere und sicherere Zielgruppe darstellten als jene, die sich ständig in aktiven Einsätzen befanden. Nicht, dass sie grundsätzlich etwas gegen erfahrene Soldaten einzuwenden hatte, doch regelmäßige Auslandseinsätze, unvorhersehbare Verletzungen und die damit verbundenen medizinischen Interventionen waren Variablen, die sie in dieser Phase ihrer Forschung möglichst ausschließen wollte.<br />
<br />
<!-- start: charactertagger_tag_link_plain -->
<a href="member.php?action=profile&amp;uid=85" class="tag" title="Cyrel Ashborne" data-uid="85">Cyrel</a>
<!-- end: charactertagger_tag_link_plain --> hatte den Anfang gemacht und sein Implantat schien bisher ausgesprochen gute Ergebnisse zu liefern. <br />
Was weitaus wichtiger war, war jedoch die Tatsache, dass auch die ersten Wandlungen erfolgreich verlaufen waren, ohne dass es zu unerwünschten Reaktionen oder erkennbaren Komplikationen gekommen war. Ein bedeutender Fortschritt, der ihre bisherigen Berechnungen bestätigte und ihr ausreichend Argumente geliefert hatte, um eine Erweiterung ihrer Versuchsgruppe zu beantragen. <br />
Dieser Antrag war genehmigt worden, allerdings unter der ausdrücklichen Voraussetzung, dass sämtliche Teilnehmer ihre Einwilligung freiwillig erteilten. Briar musste die Verhandlungen und Überzeugungsarbeit also selbst in die Hand nehmen, was ihrer Begeisterung für das gesamte Vorhaben einen empfindlichen Dämpfer versetzt hatte.<br />
<br />
Patientenkontakt. <i>Ewh!</i><br />
<br />
Sie war keine nette, fürsorgliche oder besonders mitfühlende Person. Zumindest nicht in jener Form, die andere Menschen offenbar von medizinischem Personal erwarteten. Sie mochte Effizienz, Strukturen und Planbarkeit. Vor allem, wenn es um ihre Arbeit ging. Sie mochte es nicht, wenn ihr unnötig widersprochen wurde oder jemand der Meinung war, ihre kostbare Zeit mit blöden Witzen vergeuden zu müssen, während sie versuchte, eine ernsthafte wissenschaftliche Unterhaltung zu führen. <br />
Auch wenn Cyrels ausgesprochen stoische und ungerührte Haltung sie gleichermaßen irritiert wie fasziniert hatte, denn sie mochte es nicht, wenn Menschen nicht vorhersehbar waren und sie sich anstrengen musste, deren Handlungen zu antizipieren, ohne über ausreichend Daten für eine genaue Auswertung zu verfügen. Dabei war es keineswegs so, dass sie jedem Menschen ihre Individualität absprechen wollte, ganz im Gegenteil. Aber ein Mindestmaß an Berechenbarkeit erleichterte das zwischenmenschliche Miteinander ungemein, insbesondere dann, wenn man überhaupt kein Interesse daran hatte, sich länger als unbedingt notwendig damit auseinanderzusetzen.<br />
<br />
Ihre möglichen Testpersonen hatten deshalb alle eine Gemeinsamkeit: ihre Vorhersehbarkeit und die vergleichsweise einfache Kontrolle ihrer äußeren Umstände. Nicht, weil Briar die Männer selbst kontrollieren wollte, sondern weil sie allesamt ähnliche Routinen, Trainingseinheiten und Schichtpläne besaßen, wodurch sich mögliche Einflussfaktoren auf das Implantat wesentlich zuverlässiger beurteilen ließen. <br />
Sie waren eine gute Kontrollgruppe für den Chip und würden ihr die Möglichkeit geben, genügend Vergleichsdaten zu sammeln, bevor sie ihre Untersuchungen auf weitere Personengruppen ausweitete.<br />
<br />
Mit den Frauen würde sie eine spätere Testreihe beginnen, sobald sie sicher sein konnte, dass die unterschiedlichen Materialien keine unerwünschten Auswirkungen auf den Zyklus oder die hormonellen Abläufe innerhalb des weiblichen Körpers hatten. Auch wenn die Gefahr nach ihren bisherigen Berechnungen verschwindend gering war, bedeutete das schließlich nicht, dass sie vollkommen ausgeschlossen werden konnte. Und gerade weil die Implantate langfristig für einen möglichst großen Personenkreis geeignet sein sollten, mussten auch weibliche Probandinnen in die Studie einbezogen werden. Vor allem weibliche Gestaltwandlerinnen, deren Physiologie während der Wandlungen zusätzliche Anforderungen an die Materialien stellte.<br />
<br />
Tia hatte auf ihrer Liste gestanden ... Der Gedanke schob sich beinahe beiläufig zwischen ihre Überlegungen, brachte ihre Finger jedoch für einen kurzen Moment zum Stillstand. Sie betrachtete die entsprechenden Informationen auf ihrem Holopad und spürte, wie sich etwas Unangenehmes in ihrer Brust zusammenzog. Tia würde keine Veteranin dieser Versuchsreihe mehr sein können und so sehr Briar auch dazu neigte, unangenehme Tatsachen mit nüchterner Sachlichkeit zu betrachten, machte es das nicht weniger bedauerlich. Sie hatte den Namen bisher nicht aus ihrer ursprünglichen Auswahl entfernt, obwohl sie es längst hätte tun müssen. Eine kleine Nachlässigkeit, die vermutlich niemandem außer ihr selbst aufgefallen wäre und der sie auch jetzt keine größere Bedeutung beimessen wollte.<br />
<br />
Sie schloss die Akten und sah auf.<br />
<br />
Ihre Augen durchsuchten den Raum, während sie versuchte, sich einen Überblick über die verschiedenen Trainingsgruppen zu verschaffen. Überall entdeckte sie bekannte Gesichter. Einige waren in Zweikämpfe vertieft, bei denen sie abwechselnd Schläge austeilten und abwehrten, während andere versuchten, sich gegen lange Stäbe zu behaupten, die mit einer Geschwindigkeit durch die Luft schnitten, dass Briar schon vom bloßen Zuschauen unwohl wurde. Wiederum andere seilten sich gerade an den mobilen Einheiten ab, die zu unterschiedlichen Zwecken zusammengebaut werden konnten, sich im unbenutzten Zustand jedoch leicht und schnell verstauen ließen, ohne unnötig Platz einzunehmen. Dennoch waren die verwendeten Materialien derart robust, dass sie selbst Gestaltwandlerkrallen und berserkerhafter Wut standhalten konnten. Eine teure Anschaffung, dessen war sie sich absolut gewiss, jedoch offensichtlich auch eine lohnenswerte.<br />
<br />
Während auf der einen Seite eine glatte Fläche zum Abseilen existierte, kletterten auf der anderen Seite eben jene Soldaten, die gerade den Boden erreicht hatten, über unterschiedliche Griffmulden verschiedenster Größen und Farben wieder nach oben. Einige nutzten dabei nahezu ausschließlich ihre Arme, während andere geschickt die Füße einsetzten und sich mit einer Leichtigkeit bewegten, die beinahe darüber hinwegtäuschte, wie viel Muskelkraft und Körperbeherrschung tatsächlich notwendig waren. Immer wieder wurden einzelne Bewegungsabläufe wiederholt, bis sie sich derart tief in das Muskelgedächtnis eingeprägt hatten, dass die Soldaten im Fall eines aktiven Einsatzes darauf vertrauen konnten, selbst unter enormer körperlicher und psychischer Belastung noch richtig zu reagieren. Briar konnte durchaus nachvollziehen, weshalb diese Form des Trainings einen derart hohen Stellenwert einnahm. Schließlich waren es oft Sekundenbruchteile, die darüber entschieden, ob jemand unverletzt aus einer gefährlichen Situation hervorging oder eben nicht.<br />
<br />
Sie war beeindruckt von der physischen Leistungsfähigkeit der Söldner. Schon immer gewesen. Ganz gleich, ob Männer oder Frauen, Menschen, Mediale oder Gestaltwandler. Alle leisteten in ihren Augen teilweise Unmenschliches und sie selbst konnte bei Weitem nicht einmal ansatzweise mit ihnen mithalten. Selbst wenn sie nur zwei Runden laufen musste, wurde sie bereits nach der ersten von derart unangenehmem Seitenstechen geplagt, dass sie am liebsten ihre eigene Lunge ausgekotzt hätte. Und doch kam es immer wieder vor, dass Dana sie zu genau solchen <i>spaßigen</i> Aktivitäten einlud, bei denen ihre körperlichen Grenzen mit einer Begeisterung ausgetestet wurden, die Briar persönlich für ausgesprochen bedenklich hielt.<br />
<br />
Damit sie nicht einrostete … pha!<br />
<br />
Als könnte man ein hervorragend funktionierendes Gehirn mit einem Stück Metall vergleichen, das bei mangelnder Benutzung irgendwann zu rosten begann. Außerdem war sie Wissenschaftlerin und keine verdammte Elitesoldatin. Wenn sie besonders schnell von einem Ort zum anderen gelangen wollte, gab es dafür hervorragende technische Errungenschaften, die sich Fahrzeuge nannten. Man musste schließlich nicht jede evolutionäre Errungenschaft persönlich beleidigen, indem man sie konsequent ignorierte.<br />
<br />
Sie zupfte gerade an ihrem übergroßen Bandshirt, das sie aufgrund der Temperaturen am Bauch zusammengeknotet hatte, und kontrollierte beiläufig, ob die knappe schwarze Shorts nicht unvorteilhaft an ihren Oberschenkeln klebte, als sie eine Silhouette ausmachte, die ihr für einen winzigen Augenblick den Boden unter den Füßen wegzuziehen schien.<br />
<br />
Ihr Herz setzte aus. Oder viel mehr stolperte es, als hätte es plötzlich vergessen, in welchem Rhythmus es eigentlich zu schlagen hatte, um anschließend mit einer derart unangemessenen Geschwindigkeit weiterzumachen, dass sie sich ernsthaft fragte, ob sie möglicherweise zu wenig getrunken hatte. Eine durchaus plausible Erklärung, schließlich war es warm in der Trainingshalle und sie hatte sich heute Morgen noch nicht besonders intensiv mit ihrer Flüssigkeitszufuhr auseinandergesetzt oder ihrer Nahrungsaufnahme. Ein Nährstoffmangel?<br />
Nur erklärte das nicht, weshalb sich ihr Magen im selben Moment derart unangenehm zusammenzog, dass sie das Bedürfnis verspürte, sich an der nächstbesten Wand abzustützen.<br />
<br />
<i>Rhett.</i><br />
<br />
Natürlich musste ausgerechnet er hier sein. Nicht, dass seine Anwesenheit in der Trainingshalle besonders überraschend gewesen wäre, immerhin war er Söldner und körperliches Training ein fester Bestandteil seines Alltags. Sie hätte sogar damit rechnen müssen, ihn hier anzutreffen. Theoretisch hatte sie das auch getan, nur war es ein gewaltiger Unterschied, sich gedanklich auf eine mögliche Begegnung vorzubereiten oder plötzlich mit der Realität konfrontiert zu werden, die sämtliche sorgsam zurechtgelegten Verhaltensstrategien innerhalb eines einzigen Herzschlags vollkommen nutzlos machte.<br />
<br />
Seine breiten Schultern waren, wie bei vielen anderen Männern, entblößt und er trug lediglich eine Hose, während sein Rücken noch leicht vor Schweiß glänzte. Briar konnte beobachten, wie sich die ausgeprägte Muskulatur unter seiner Haut bewegte, als er seine Haltung gegenüber seinem Sparringspartner veränderte, und obwohl sie sich durchaus bewusst war, dass sie keinerlei Anlass hatte, ihn derart aufmerksam zu mustern, schien es ihr plötzlich unmöglich zu sein, den Blick abzuwenden.<br />
Mit einem Mal wirkte der gesamte Raum wie leer gefegt und ihre Augen nahmen nur noch ihn wahr, obwohl sich an ihrer Umgebung selbstverständlich nicht das Geringste verändert hatte. Die Geräusche waren noch immer vorhanden, die Soldaten gingen weiterhin ihren Übungen nach und selbst die Filteranlagen verrichteten unbeeindruckt ihre Arbeit, doch ihr Gehirn schien beschlossen zu haben, sämtliche nebensächlichen Informationen auszublenden und seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf einen einzigen Mann zu konzentrieren.<br />
<br />
<i>Selektive Wahrnehmung.</i><br />
<br />
Eine vollkommen normale neurologische Reaktion, die vor allem dann auftrat, wenn ein potenziell relevanter Reiz aus einer Vielzahl anderer Umweltinformationen herausgefiltert wurde. Rhett stellte eine Gefahr dar, also war es vollkommen nachvollziehbar, dass ihr Unterbewusstsein ihn augenblicklich erkannte und seine Position innerhalb des Raumes bestimmte. Eine instinktive Schutzreaktion, die ihr die Möglichkeit gab, unangenehmen Situationen frühzeitig aus dem Weg zu gehen. Nichts weiter.<br />
<br />
Zumindest war das die Erklärung, auf die sie sich geeinigt hatte, nachdem ihr irgendwann bewusst geworden war, dass sie praktisch jeden Raum zunächst danach absuchte, ob er sich darin befand. Sie suchte <b>immer</b> nach ihm.<br />
<br />
Ganz egal, ob sie die Gemeinschaftsräume betrat, durch die Flure lief oder sich irgendwo auf dem Gelände aufhielt. Ihre Augen wanderten beinahe unwillkürlich über die anwesenden Personen, bis sie entweder seine vertraute Silhouette entdeckt hatte oder sich davon überzeugen konnte, dass er nicht anwesend war. <br />
Natürlich bedeutete das nicht, dass sie sich nach seiner Gesellschaft sehnte. Es war lediglich eine ausgesprochen praktische Methode, um sicherzustellen, dass sie nicht vollkommen unvorbereitet mit ihm konfrontiert wurde. Wenn sie wusste, wo er sich aufhielt, konnte sie selbst entscheiden, ob sie sich in seiner Nähe aufhalten wollte oder eben nicht. Und in 100% der Fälle entschied sie sich für das <i>nicht</i>.<br />
<br />
Dass sie dennoch manchmal enttäuscht war, wenn sie ihn nicht entdeckte, hatte sie bisher erfolgreich ignoriert. Oder verdrängt. Beides funktionierte ganz wunderbar.<br />
<br />
Es handelte sich schließlich um eine völlig irrationale Empfindung, für die es weder eine vernünftige Erklärung noch irgendeine sinnvolle Verwendung gab. Und Briar hatte grundsätzlich wenig Interesse daran, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sich ihrer rationalen Kontrolle entzogen. Insbesondere dann nicht, wenn sie sich dabei selbst derart fremd vorkam, dass sie gelegentlich das Bedürfnis verspürte, ihre eigenen neurologischen Funktionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen.<br />
<br />
Denn Rhett war nicht einfach nur irgendein Mann, dessen Anwesenheit sie irritierte. Er war eine Gefahr für ihren inneren Frieden.<br />
Eine ausgesprochen widersprüchliche Gefahr, wenn man bedachte, dass sie ausgerechnet in seinen Armen einen Frieden empfunden hatte, den sie zuvor in dieser Form nicht gekannt hatte.<br />
<br />
Und genau das war das Problem.<br />
<br />
Briar konnte sich an jede einzelne Empfindung erinnern, obwohl sie inzwischen mehr als genug Zeit gehabt hatte, die entsprechenden Erinnerungen gedanklich zu archivieren und ihnen einen vollkommen unbedeutenden Platz zwischen all den anderen Erfahrungen ihres Lebens zuzuweisen. Sie wusste noch, wie warm seine Haut gewesen war und mit welcher Selbstverständlichkeit seine Arme sich um sie geschlossen hatten. Wie wenig sie in diesem Moment hatte nachdenken müssen, weil es nichts gegeben hatte, das analysiert, hinterfragt oder vorausberechnet werden wollte. Es hatte keine Erwartungen gegeben, denen sie gerecht werden musste, keine Fragen, auf die sie eine Antwort benötigte, und vor allem nicht das ständige Bedürfnis, ihre Umgebung und die Menschen darin aufmerksam im Blick zu behalten. <br />
<br />
Sie hatte sich sicher gefühlt.<br />
<br />
Nicht auf jene nüchterne Art, auf die sie sich innerhalb des Rudelterritoriums grundsätzlich sicher fühlte, weil sie wusste, dass ihre Rudelgefährten füreinander einstanden und potenzielle Gefahren gemeinsam bewältigten. Es war etwas anderes gewesen, etwas wesentlich Persönlicheres, das sie mit einer Intensität getroffen hatte, die sie weder erwartet noch gewollt hatte. Für diesen einen Moment hatte sie das Gefühl gehabt, vollkommen zur Ruhe kommen zu dürfen, ohne dafür irgendetwas leisten zu müssen. Und sie hatte es genossen.<br />
<br />
Diese Erkenntnis war beinahe schlimmer als die Erinnerung selbst, denn sie konnte sich noch so viele wissenschaftliche Erklärungen zurechtlegen, um die Reaktion ihres Körpers auf körperliche Nähe zu begründen. Die Ausschüttung von Oxytocin, die Regulation von Stresshormonen oder die Aktivierung des parasympathischen Nervensystems waren ihr schließlich keine fremden Begriffe. Sie verstand die zugrunde liegenden Mechanismen durchaus und hätte vermutlich ohne größere Schwierigkeiten einen mehrseitigen Aufsatz darüber verfassen können. Aber keine dieser Erklärungen beantwortete die ausgesprochen unangenehme Frage, weshalb es ausgerechnet Rhett gewesen war, der eine solche Wirkung auf sie hatte.<br />
<br />
Und weshalb sich ein kleiner, vollkommen unvernünftiger Teil von ihr danach sehnte, dieses Gefühl noch einmal erleben zu dürfen.<br />
Ein Teil, den sie am liebsten eigenhändig aus ihrem Bewusstsein entfernt hätte, wenn sich menschliche Emotionen tatsächlich so unkompliziert bearbeiten ließen wie fehlerhafte Datensätze.<br />
<br />
Sie spürte, wie sich eine Gänsehaut über ihre Arme, hinunter zu ihren Beinen zog, obwohl ihr keineswegs kalt war, und umklammerte das Holopad etwas fester. Ihr Puls hatte sich noch immer nicht auf ein vernünftiges Niveau beruhigt und sie war sich schmerzlich bewusst, dass sie sich gerade verhielt wie eines jener emotional vollkommen überforderten Individuen, über deren mangelnde Selbstbeherrschung sie sich sonst mit einer gewissen Überheblichkeit zu amüsieren pflegte. Ausgesprochen peinlich.<br />
<br />
Vor allem, weil sie nicht einmal behaupten konnte, Rhett hätte irgendetwas getan, um diese Reaktion hervorzurufen. Er stand lediglich dort, ging seinem Training nach und hatte vermutlich nicht die geringste Ahnung davon, dass seine bloße Existenz gerade sämtliche vernünftigen Gedankengänge in ihrem Kopf sabotierte.<br />
<br />
Sie musste hier weg.<br />
<br />
Und zwar möglichst schnell, bevor sie sich zu irgendeiner Handlung hinreißen ließ, die sie anschließend bereuen würde. Etwa ihn anzusprechen. Oder schlimmer noch, tatsächlich in seiner Nähe stehen zu bleiben, nur weil sich dieser vollkommen bescheuerte Teil ihres Gehirns offensichtlich einbildete, dass allein seine Anwesenheit bereits ausreichte, um ihr irgendeine Form von Zufriedenheit zu verschaffen. Briar verlagerte bereits ihr Gewicht und war im Begriff, auf dem Absatz kehrtzumachen und ein möglichst unauffälliges, aber ausgesprochen effizientes Rückzugsmanöver einzuleiten, als Rhetts Sparringspartner an dessen breiten Schultern vorbeisah und sie entdeckte.<br />
<br />
<i>Nein, nein, nein.</i> <br />
<br />
Ein breites Lächeln erschien auf dem Gesicht des brünetten Rekruten, der augenscheinlich nicht einmal ansatzweise darüber nachdachte, weshalb sie mitten in einer Trainingshalle stand, ohne auch nur das geringste Interesse an einer der angebotenen Trainingsmöglichkeiten erkennen zu lassen. <br />
<br />
<i>Tu es nicht.</i>, beschrie sie ihn in ihren Gedanken. <br />
<br />
Stattdessen hob er fröhlich eine Hand und setzte zum Winken an, was Briar bereits für eine vollkommen unnötige Form der Kontaktaufnahme hielt, bevor er die Situation mit einer derart beeindruckenden Selbstverständlichkeit verschlimmerte, dass sie ihn am liebsten auf der Stelle erwürgt hätte.<br />
<br />
<i>Wage es ja nicht, du hirnamputierter...</i> <br />
<b>"Briar! Brauchst du etwas?"</b><br />
<i>... Idiot.</i><br />
<br />
Wunderbar. Einfach ganz ausgezeichnet.<br />
<br />
Einige Köpfe drehten sich in ihre Richtung und Briar spürte förmlich, wie ihr sorgfältig geplanter Rückzug innerhalb eines einzigen Augenblicks in sich zusammenfiel. Wunderbar. Einfach ganz ausgezeichnet. <i>Perfekt!</i> Offenbar war es vollkommen unmöglich, sich auch nur wenige Minuten in dieser verdammten Halle aufzuhalten, ohne dass irgendjemand das Bedürfnis entwickelte, ihre Anwesenheit lautstark bekannt zu geben, als wäre sie eine seltene Tierart, deren Sichtung unverzüglich dokumentiert und mit sämtlichen Anwesenden geteilt werden musste.<br />
<br />
Sie strich seinen Namen von der Liste. Ohne zu zögern, ohne schlechtes Gewissen und ganz gewiss ohne die geringste Absicht, ihre Entscheidung später noch einmal zu überdenken. Wer nicht über ausreichend soziale Kompetenz verfügte, um zu erkennen, dass nicht jede Person ihre Anwesenheit öffentlich verkündet haben wollte, musste schließlich auch nicht unbedingt an einer ihrer wissenschaftlichen Studien teilnehmen. Zumindest nicht, solange sie genügend Alternativen zur Verfügung hatte.<br />
<br />
<ina>"Nope, alles bestens."</ina>, gab sie mit einem derart verkniffenen Lächeln zurück, dass sie sich ernsthaft fragte, ob die dafür notwendige Muskelanspannung bereits als Trainingseinheit durchging.<br />
<br />
Innerlich fluchte sie. Lautstark, ausführlich und mit einer Kreativität, die vermutlich selbst einen erfahrenen Söldner beeindruckt hätte, während sie sich mit aller Macht darauf konzentrierte, ihren Blick nicht erneut in Rhetts Richtung wandern zu lassen. Denn nachdem der Rekrut sie nicht nur bemerkt, sondern auch nach ihr gerufen hatte, war die Wahrscheinlichkeit leider ausgesprochen hoch, dass auch Rhett sich inzwischen umgedreht und sie gesehen hatte.<br />
<br />
Und aus irgendeinem Grund machte allein dieser Gedanke alles noch schlimmer.<br />
<br />
Sie wollte ihn nicht ansehen. Wollte ihm auf keinen Fall irgendeinen Anlass geben, zu ihr herüberzukommen, sie anzusprechen oder auch nur auf die Idee zu kommen, dass sie seine Gesellschaft wünschte. Schließlich war sie aus einem vollkommen legitimen, wissenschaftlichen Grund hier und nicht, weil sie ein merkwürdiges Bedürfnis verspürte, ihn aus der Ferne zu beobachten, während er mit nacktem Oberkörper irgendwelche anderen Männer durch die Gegend warf.<br />
<br />
Dass sie dennoch für einen winzigen Moment darauf wartete, seine Stimme zu hören, machte sie beinahe wahnsinnig.<br />
<br />
Es war nicht einmal ein bewusster Gedanke gewesen, sondern vielmehr eine Erwartung, die sich unbemerkt zwischen ihre Überlegungen geschoben hatte. Vielleicht würde er ihren Namen sagen, sich nach dem Grund ihrer Anwesenheit erkundigen oder einfach nur zu ihr herübersehen. Nichts davon wäre ungewöhnlich gewesen, schließlich kannten sie einander und es wäre vollkommen normal gewesen, auf eine bekannte Person zu reagieren. Dennoch ärgerte Briar sich maßlos darüber, dass sie offenbar nicht nur damit beschäftigt war, seine Aufmerksamkeit zu vermeiden, sondern gleichzeitig auf eine Reaktion von ihm hoffte. Was für ein vollkommen bescheuerter Widerspruch.<br />
<br />
Sie wollte ihre Ruhe haben, wollte nicht mit ihm reden und schon gar nicht in eine Situation geraten, in der er ihr womöglich wieder so nahekam, dass sie seinen vertrauten Geruch wahrnehmen konnte. Sie wollte nicht erneut feststellen müssen, wie angenehm sie seine Nähe fand, und noch weniger wollte sie sich eingestehen, dass seine Arme um sie etwas in ihr beruhigten, das sie vorher nicht einmal als unruhig wahrgenommen hatte.<br />
<br />
Aber offensichtlich war ihr Unterbewusstsein anderer Meinung.<br />
Und das machte ihr Angst.<br />
<br />
Nicht jene offensichtliche Angst, die einen Menschen dazu brachte, vor einer unmittelbaren Bedrohung zurückzuweichen, sondern eine wesentlich unangenehmere Form der Unsicherheit, gegen die Briar keine geeignete Verteidigungsstrategie besaß. Sie konnte sich gegen andere Menschen behaupten, konnte Diskussionen führen, bis ihr Gegenüber entnervt aufgab, und war durchaus in der Lage, sich selbst in unangenehmen Situationen mit einer beeindruckenden Portion Sturheit zu behaupten. Was sie jedoch nicht konnte, war ihren eigenen Körper davon überzeugen, dass er gefälligst aufzuhören hatte, ausgerechnet bei Rhett vollkommen unangebrachte Reaktionen zu zeigen.<br />
<br />
Es war ihr zutiefst zuwider, dass sie sich selbst nicht verstand.<br />
<br />
Dass sie ihre Gefühle nicht einfach in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen, sorgfältig untersuchen und anschließend zu einem vollkommen logischen Ergebnis zusammensetzen konnte. Noch schlimmer war allerdings die Erkenntnis, dass ein Teil von ihr vielleicht gar keine Erklärung wollte, sondern sich schlicht danach sehnte, diese angenehme Ruhe noch einmal zu erleben. Als wäre es vollkommen gleichgültig, welche Konsequenzen das mit sich bringen könnte, solange sie für einen weiteren Augenblick nicht das Gefühl hatte, jede einzelne Regung ihrer selbst kontrollieren zu müssen.<br />
<br />
Und Rhett war gefährlich. Für sie, für ihre Gedanken und für jenen inneren Frieden, den sie sich über Jahre hinweg mühsam geschaffen hatte, indem sie sich auf die Dinge konzentrierte, die sie verstehen und beeinflussen konnte. Es war beinahe eine Beleidigung ihrer eigenen Intelligenz, dass ausgerechnet ein Mann dafür sorgte, dass dieses sorgfältig aufgebaute Gleichgewicht ins Wanken geriet, ohne überhaupt etwas dafür tun zu müssen.<br />
<br />
Briar presste die Lippen aufeinander und zwang sich, die Schultern zu straffen. Sie war schließlich kein liebeskranker Teenager, der beim Anblick eines attraktiven Mannes vollkommen die Fassung verlor. Sie war eine erwachsene Frau, eine Wissenschaftlerin mit einem durchaus beachtlichen Intellekt, die sich nicht von ein paar ausgesprochen lästigen hormonellen Reaktionen vorschreiben lassen würde, wie sie sich zu verhalten hatte.<br />
<br />
<i>Liebeskrank.</i><br />
<br />
Allein die Tatsache, dass ihr Gehirn es gewagt hatte, diese vollkommen unpassende Bezeichnung auch nur in Erwägung zu ziehen, war Grund genug, die gesamte Angelegenheit für beendet zu erklären. Sie verfügte weder über ausreichend Daten, um eine derartige Schlussfolgerung zu rechtfertigen, noch bestand irgendeine Notwendigkeit, sich mit einer Hypothese auseinanderzusetzen, deren bloße Existenz sie bereits derart aus dem Gleichgewicht brachte.<br />
<br />
Nein. Sie würde sich jetzt wieder ihrer Arbeit widmen, ihre Liste mit geeigneten Probanden überarbeiten und zu einem späteren Zeitpunkt zurückkehren, wenn die Wahrscheinlichkeit einer unerwünschten Begegnung deutlich geringer war. Das war vernünftig, effizient und angesichts der Umstände die mit Abstand sinnvollste Entscheidung, die sie treffen konnte.<br />
<br />
Dass sie dafür ausgerechnet vor einem Mann fliehen musste, der ihr noch nicht einmal etwas getan hatte, ignorierte sie geflissentlich.<br />
Ebenso wie das verräterische Bedürfnis, sich vor dem Gehen doch noch einmal umzudrehen und nachzusehen, ob er sie beobachtete.<br />
<br />
Also tat Briar das Einzige, was ihr in dieser Situation noch sinnvoll erschien, um wenigstens einen kleinen Rest ihrer mühsam aufrechterhaltenen Selbstbeherrschung zu retten: Sie trat die Flucht an, ehe sie sich selbst noch einen weiteren Grund liefern konnte, an ihrem offenbar ausgesprochen fragwürdigen Geisteszustand zu zweifeln.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[the only way out is trough. push forward!]]></title>
			<link>https://claws.test.stories-untold.de/showthread.php?tid=589</link>
			<pubDate>Mon, 31 Aug 2026 12:02:36 +0000</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://claws.test.stories-untold.de/member.php?action=profile&uid=82">Adas Kovacs</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://claws.test.stories-untold.de/showthread.php?tid=589</guid>
			<description><![CDATA[Die Hitze hatte sich längst zwischen den Häusern festgesetzt und schien mit jeder weiteren Minute schwerer zu werden, als würde die Sonne nicht nur von dem wolkenlosen Himmel auf sie herabbrennen, sondern gleichzeitig aus den sandfarbenen Mauern zurückstrahlen, die den schmalen Straßenzug zu beiden Seiten begrenzten und kaum genug Schatten warfen, um einen Unterschied zu machen. Selbst dort, wo keine direkte Sonne auf seine Kleidung fiel, hatte sich der Camouflage-Stoff unangenehm erwärmt, während sich unter der taktischen Weste Feuchtigkeit sammelte und der Schweiß langsam zwischen seinen Schulterblättern hinablief, ohne irgendwohin entweichen zu können.<br />
<br />
Adas ignorierte das stetig zunehmende Unbehagen ebenso, wie er das Gewicht der Ausrüstung ignorierte, das seit Stunden auf seinen Schultern lag und sich bei jedem Schritt bemerkbar machte, sobald sich Magazine, Wasser, medizinische Versorgung und der übrige Inhalt seiner Weste gegeneinander verschoben. Nichts davon war ungewöhnlich genug, um Aufmerksamkeit zu verdienen, denn Hitze war Hitze und Gewicht blieb Gewicht, solange sein Körper noch ausreichend Reserven besaß, um beides zu kompensieren, weshalb er seine Konzentration lieber auf die Straße vor ihnen richtete und darauf achtete, seine Schritte so zu setzen, dass der feine Sand unter seinen Sohlen möglichst wenig verriet.<br />
<br />
Vollständig verhindern ließ sich das leise Knirschen trotzdem nicht.<br />
<br />
Der Staub lag überall, hatte sich in den Fugen des unebenen Bodens gesammelt und überzog die Fassaden mit einer stumpfen Schicht, die sämtliche Farben verschluckte, bis nur noch verschiedene Abstufungen von Beige, Braun und einem ausgewaschenen Gelb übrigblieben. Hin und wieder löste ein Windstoß den feinen Sand vom Boden und trieb ihn durch die schmalen Gassen, wo er sich in kleinen Wirbeln verfing, gegen geschlossene Fensterläden schlug und erst wieder zu Boden sank, wenn die Luft zwischen den eng stehenden Gebäuden zur Ruhe kam.<br />
<br />
Adas nahm einen tiefen Atemzug und hörte das gedämpfte Geräusch, mit dem die Atemluft durch den Filter seiner Maske gezogen wurde, ehe sie seine Lungen erreichte. Der Widerstand war gering, aber nach mehreren Stunden deutlich genug, dass jeder Atemzug eine Spur bewusster erfolgen musste, während das Material dicht an seinem Gesicht anlag und unangenehm gegen den Nasenrücken drückte. Dafür schmeckte er den Staub nicht, der andernfalls längst auf seiner Zunge gelegen und bei jedem Schlucken in seinem Hals gekratzt hätte, und angesichts der feinen Partikel, die selbst in den kleinsten Ritzen der Häuser hingen, war ihm dieser Tausch durchaus willkommen.<br />
<br />
Seit mehr als einer halben Stunde war sein eigener Atem außerdem eines der wenigen Geräusche, auf deren Beständigkeit er sich verlassen konnte.<br />
<br />
Der Kommunikationskanal war zuerst von einem leichten Rauschen durchzogen worden, das noch niemanden beunruhigt hatte, weil die dichte Bebauung und die bekannten Störsysteme in diesem Gebiet seit Beginn des Einsatzes immer wieder für kleinere Aussetzer gesorgt hatten. Danach waren einzelne Worte verloren gegangen, Stimmen hatten sich verzerrt und schließlich war die Verbindung vollständig zusammengebrochen, ohne dass einer der alternativen Kanäle übernommen hatte. Auch der Versuch, über das sekundäre System Kontakt zum Rest der Einheit aufzunehmen, war gescheitert, sodass irgendwann nur noch die gleichmäßige Stille in seinem Ohr zurückgeblieben war, die ihnen inzwischen unmissverständlich mitteilte, dass sie auf sich allein gestellt waren.<br />
<br />
Zumindest vorläufig.<br />
<br />
Adas ging nicht davon aus, dass der Rest ihrer Einheit untätig darauf wartete, ob sie irgendwann wieder auftauchten, doch solange er nicht wusste, wo sich die anderen befanden und welche Teile ihres Kommunikationssystems kompromittiert worden waren, änderte dieses Wissen wenig an ihrer gegenwärtigen Situation. Ihr ursprünglicher Rückweg war nicht länger sicher, der vereinbarte Sammelpunkt hatte sich durch eine Straßensperre erledigt, die laut der Aufklärung überhaupt nicht existieren sollte, und der kürzeste alternative Weg führte sie durch einen Teil des Viertels, über den ihre Informationen bestenfalls lückenhaft waren. Die Umgebung mittels seiner medialen Kräfte zu scannen fiel ebenfalls aus, weil sie keine Ahnung hatten, ob in der Nähe starke Telepathen anwesend waren. <br />
<br />
Damit blieben zwei Möglichkeiten, von denen Adas keine besonders gefiel.<br />
<br />
Sie konnten versuchen, das Gebiet weiträumig zu umgehen und dabei erheblich länger ohne Verbindung zur Einheit durch feindlich kontrolliertes Gelände ziehen, oder sie konnten eine direktere Route wählen, deren Verlauf sie zwar kannten, über deren aktuelle Sicherheitslage jedoch niemand eine verlässliche Aussage treffen konnte.<br />
<br />
Beides war beschissen, weshalb es keinen Sinn ergab, Zeit damit zu verschwenden, sich darüber zu ärgern.<br />
<br />
Einige Meter vor der nächsten Kreuzung verlangsamte Adas seine Schritte, bis er schließlich stehen blieb und die geschlossene Faust auf Schulterhöhe hob, während sein Blick über die Häuserfront vor ihnen wanderte. Er musste sich nicht umdrehen, um zu überprüfen, ob Rhett das Signal gesehen hatte, denn wenn ein Mann mit der militärischen Vergangenheit, die man dem Falkenwandler zugeschrieben hatte, ein derart grundlegendes Handzeichen übersah, würden sie ohnehin sehr bald ein wesentlich größeres Problem haben.<br />
<br />
Mehr wusste Adas über dessen Vergangenheit bislang allerdings kaum.<br />
<br />
Irgendwo in Europa hatte Rhett bereits einer militärisch organisierten Einheit angehört, wobei weder deren genaue Struktur noch die Art ihrer Einsätze Informationen waren, mit denen Adas sich näher beschäftigt hatte. Es war nicht seine Aufgabe gewesen, den Falkenwandler aufzunehmen, seine Vergangenheit zu überprüfen oder darüber zu entscheiden, welchen Platz dieser zukünftig innerhalb der CrescentProwler einnehmen würde, und entsprechend wenig interessierte ihn der Teil der Angelegenheit, der außerhalb seines eigenen Zuständigkeitsbereichs lag.<br />
<br />
Wesentlich relevanter war für ihn, was davon übrigblieb, sobald sie draußen waren.<br />
<br />
Eine Ausbildung konnte ausgezeichnet sein und trotzdem einen beschissenen Soldaten hervorbringen, ebenso wie jahrelange Erfahrung wenig darüber aussagte, ob jemand auch dann noch zuverlässig funktionierte, wenn die vorbereiteten Pläne nicht länger griffen. Adas hatte während seiner eigenen Laufbahn genügend Einsätze erlebt, bei denen innerhalb weniger Minuten aus einer sorgfältig geplanten Operation eine Aneinanderreihung improvisierter Entscheidungen geworden war, und dabei gelernt, dass er sich lieber neben jemanden stellte, der seine Grenzen kannte und aufmerksam blieb, als neben einen Mann, der seine eigenen Fähigkeiten maßlos überschätzte.<br />
<br />
Gerade deshalb hatte er bisher kaum versucht, Rhett in ein Gespräch zu verwickeln.<br />
Es gab Situationen, in denen Menschen sehr viel über sich erzählten, ohne ein einziges Wort zu benutzen.<br />
<br />
Adas schob diesen Gedanken beiseite und näherte sich der Hausecke, wobei er seinen Körper dicht an der sonnenwarmen Wand hielt und die Waffe so führte, dass weder der Lauf noch ein anderer Teil seiner Ausrüstung vorzeitig über die Deckung hinausragte. Der Stein war rau genug, dass er selbst durch den Stoff seines Ärmels hindurch jede Unebenheit spürte, als sein Oberarm die Fassade streifte, doch seine Aufmerksamkeit lag längst auf dem Abschnitt der Straße, den er nach und nach einsehen konnte.<br />
<br />
Auf den ersten Blick war dort nichts.<br />
<br />
Ein alter Lieferwagen stand schräg auf der gegenüberliegenden Straßenseite und nahm einen Teil des ohnehin schmalen Fahrwegs ein, während dahinter mehrere Geschäfte lagen, deren Rollläden geschlossen waren. Über einem der Eingänge hing eine verblichene Markise, deren Stoff sich bei jedem Windstoß hob und anschließend mit einem leisen Schlagen gegen die darunterliegende Metallkonstruktion zurückfiel. Zwei Etagen darüber standen einige Fenster offen, andere waren mit hölzernen Läden verschlossen, und auf einem der Balkone hing Wäsche, die sich kaum merklich in der heißen Luft bewegte.<br />
<br />
In einiger Entfernung bellte ein Hund.<br />
<br />
Das Geräusch wurde zwischen den Häusern zurückgeworfen und machte es beinahe unmöglich, seine Entfernung zuverlässig einzuschätzen, doch wenige Sekunden später antwortete ein zweites Tier aus einer anderen Richtung, woraufhin irgendwo eine männliche Stimme laut wurde und beide Hunde kurz darauf verstummten. Übrig blieb das tiefe Brummen eines Generators, das Adas bereits seit einigen Straßen begleitete, vermischt mit dem entfernten Geräusch eines Motors und dem regelmäßigen Schlagen der Markise.<br />
<br />
Eine vollkommen gewöhnliche Straße.<br />
Gerade deshalb betrachtete Adas sie länger.<br />
<br />
Sein Blick wanderte nicht nur über Türen und Fenster, sondern ebenso über die Dächer, die schmalen Durchgänge zwischen den Gebäuden und die Schatten unter dem abgestellten Fahrzeug. Er suchte nicht nach etwas Bestimmtem, weil genau darin die Gefahr lag, wenn man bereits entschieden hatte, was man zu finden erwartete, sondern ließ seine Aufmerksamkeit über jedes Detail gleiten und wartete darauf, dass etwas nicht in das Gesamtbild passte.<br />
<br />
Erst nach einigen Augenblicken hob er eine Hand, deutete mit zwei Fingern auf seine Augen und anschließend auf die gegenüberliegende Dachlinie, womit er Rhett wortlos einen Teil der Straße überließ, ohne dessen Reaktion abzuwarten oder seine eigene Aufmerksamkeit von dem Bereich vor ihnen abzuwenden.<br />
<br />
Wenn der Falkenwandler Erfahrung besaß, würde er wissen, was damit gemeint war.<br />
Wenn seine Erfahrung anders organisiert war als die der CrescentProwler, würde Adas das ebenfalls erfahren.<br />
Beides waren brauchbare Informationen.<br />
<br />
Ein erneuter Windstoß fuhr zwischen den Gebäuden hindurch und hob den Staub in einer so dichten Wolke vom Boden, dass der untere Teil des Lieferwagens für einige Sekunden dahinter verschwand. Irgendetwas Leichtes wurde über die Straße geweht und verfing sich unter dem Fahrzeug, während die Markise erneut gegen ihre Halterung schlug und ein loses Stück Papier über den Asphalt taumelte.<br />
<br />
Adas wartete.<br />
Der Staub senkte sich langsam wieder.<br />
<br />
Der Lieferwagen kam vollständig zum Vorschein, dahinter die geschlossenen Geschäfte und darüber die Fenster, die sich gegenüber dem vorherigen Anblick nicht verändert hatten. Noch immer war niemand zu sehen, niemand bewegte sich auf der Straße und selbst die Hunde waren ruhig geblieben, sodass sich die Umgebung wieder in jene eigentümliche Mischung aus alltäglichen Geräuschen und beinahe vollständiger Menschenleere fügte, die ihn bereits seit einigen Minuten begleitete.<br />
<br />
Trotzdem ging Adas nicht weiter.<br />
Es dauerte einen Moment, bis er verstand, was ihn störte.<br />
<br />
Die Markise bewegte sich weiterhin im Wind, doch das regelmäßige metallische Schlagen, das ihre Bewegung begleitet hatte, war verschwunden.<br />
<br />
Sein Blick blieb an ihr hängen, während er versuchte, die Veränderung einzuordnen. Es konnte vollkommen bedeutungslos sein, weil sich ein loser Haken verschoben oder der Winkel des Windes verändert hatte, doch er hatte lange genug in Situationen wie dieser gearbeitet, um einen Unterschied zwischen Vorsicht und Paranoia nicht daran festzumachen, ob sich ein Verdacht später bestätigte.<br />
<br />
Vorsicht kostete einige Sekunden.<br />
Unachtsamkeit konnte erheblich teurer werden.<br />
Also blieb er stehen, während der Schweiß unter seiner Kleidung langsam über seine Wirbelsäule lief und sich seine Finger ruhig um den Griff der Waffe legten.<br />
<br />
Dann bewegte sich etwas hinter einem der Fenster.<br />
<br />
Es war keine deutlich erkennbare Gestalt und nicht einmal genug, um sicher behaupten zu können, dass dort tatsächlich ein Mensch gestanden hatte, sondern lediglich eine Veränderung des dunklen Rechtecks, das eben noch vollkommen gleichmäßig gewesen war. Für den Bruchteil eines Augenblicks wurde der Schatten unterbrochen, anschließend sah das Fenster wieder genauso aus wie zuvor.<br />
<br />
Adas hob die geschlossene Faust erneut.<br />
<br />
Dieses Mal hielt er sie einige Sekunden sichtbar und deutete anschließend auf das betreffende Gebäude, bevor er zwei Finger nach unten bewegte und damit deutlich machte, dass sie ihre Position vorerst halten würden.<br />
<br />
Er hätte versuchen können, die Straße trotzdem zu überqueren, doch dafür gab es keinen Grund. Ihr Ziel bestand nicht darin, möglichst schnell zurückzukehren, sondern überhaupt zurückzukehren, und solange sie nicht wussten, ob sie entdeckt worden waren, war Zeit die einzige Ressource, von der sie noch ausreichend besaßen.<br />
<br />
Zumindest hoffte er das.<br />
<br />
Hinter ihnen lag weiterhin der Weg, den sie gekommen waren, während sich knapp zwanzig Meter zurück eine schmale Seitengasse zwischen zwei Gebäuden hindurchzog, die auf den vorhandenen Karten als Verbindung zur parallel verlaufenden Straße eingezeichnet war. Sie würde ihren Rückweg verlängern, allerdings nur um wenige Minuten, und bot erheblich mehr Deckung als die offene Straße vor ihnen.<br />
<br />
Unter normalen Umständen hätte Adas nicht lange darüber nachgedacht.<br />
Doch normale Umstände hätten bedeutet, dass er wusste, wo sich der Rest seiner Einheit befand.<br />
<br />
Er wandte den Kopf gerade weit genug, um Rhett in sein Sichtfeld zu bekommen, und deutete zunächst auf die Straße vor ihnen, anschließend zurück in Richtung der schmalen Seitengasse. Eine knappe Bewegung seiner Hand machte deutlich, dass er die offene Route verwarf.<br />
<br />
Danach wartete er.<br />
<br />
Nicht auf Zustimmung, denn eine Abstimmung über jede taktische Entscheidung war ebenso unsinnig wie ein Mann, der glaubte, seine Position gäbe ihm automatisch in jeder Situation recht. Er wartete darauf zu sehen, ob Rhett etwas entdeckt hatte, das ihm selbst entgangen war, ob der Falkenwandler einen Einwand gegen den Rückzug besaß oder ob dessen Aufmerksamkeit längst auf einer vollkommen anderen Gefahr lag.<br />
<br />
Es war ein kurzer Augenblick, in dem nichts geschah und dennoch ausreichend Raum bestand, um eine falsche Entscheidung zu treffen.<br />
<br />
Dann bellte der Hund wieder.<br />
Dieses Mal klang er deutlich näher.<br />
<br />
Fast gleichzeitig sprang irgendwo auf der anderen Straßenseite ein Motor an, dessen tiefes Aufheulen zwischen den Häusern widerhallte und für einige Sekunden jedes leisere Geräusch verschluckte. Adas' Blick glitt automatisch zurück zur Kreuzung, während seine Hand die Waffe etwas höher nahm und sein Körper sich näher an die Hauswand schob.<br />
<br />
Der Motor blieb nicht im Leerlauf.<br />
Er wurde lauter.<br />
Kam näher.<br />
<br />
Adas sah noch immer kein Fahrzeug, doch die Richtung ließ sich inzwischen eindeutig bestimmen, und wenn der Fahrer die Straße benutzte, die vor ihnen verlief, würde er innerhalb weniger Augenblicke die Kreuzung erreichen.<br />
<br />
Ein ziviles Fahrzeug wäre bedeutungslos gewesen.<br />
Ein ziviles Fahrzeug mit einem Fahrer, der sich später daran erinnerte, zwei bewaffnete Fremde gesehen zu haben, war es nicht.<br />
<br />
Er deutete Rhett mit einer kurzen Bewegung an, sich zurückzuziehen, und setzte sich anschließend selbst rückwärts in Bewegung, ohne der Kreuzung vollständig den Rücken zuzuwenden. Seine Schritte blieben kontrolliert und langsam genug, dass das Knirschen des Sandes unter seinen Stiefeln nicht über das Motorengeräusch hinausgetragen wurde, während er jeden Meter nutzte, um den Abstand zur offenen Straße zu vergrößern.<br />
<br />
Der Wagen erreichte die Kreuzung nicht.<br />
Das Motorengeräusch brach so abrupt ab, dass die zurückkehrende Stille beinahe körperlich spürbar wurde.<br />
Adas blieb stehen.<br />
<br />
Es gab genügend harmlose Erklärungen dafür, warum jemand einen Motor startete, einige Meter fuhr und ihn anschließend wieder ausschaltete, doch keine davon gefiel ihm in Verbindung mit der Bewegung hinter dem Fenster.<br />
<br />
Er hob die Waffe endgültig in eine Position, aus der er sie ohne weitere Verzögerung einsetzen konnte, und lauschte.<br />
<br />
Zunächst hörte er nur seinen eigenen Atem, der weiterhin gleichmäßig durch die Filtereinheit strömte, dann das entfernte Brummen des Generators und schließlich etwas, das wesentlich näher war.<br />
<br />
Eine Tür.<br />
Nicht laut zugeschlagen, sondern vorsichtig geschlossen.<br />
Adas richtete seinen Blick auf den Zugang zur Straße.<br />
<br />
Sie mussten weg.<br />
<br />
Nicht schnell und schon gar nicht blind, aber sie mussten ihre gegenwärtige Position verlassen, bevor aus einem möglichen Verdacht eine Gewissheit wurde. Die Seitengasse war weiterhin ihre beste Option, sofern dort nicht bereits jemand auf sie wartete, und für eine gründliche Überprüfung fehlte ihnen inzwischen die Zeit.<br />
<br />
Er deutete zurück.<br />
Zwei Finger.<br />
Dann auf Rhett.<br />
<br />
Die Bedeutung war einfach genug: Der Falkenwandler sollte die Gasse überprüfen.<br />
<br />
Adas würde die Straße halten.<br />
<br />
Für einen kurzen Moment traf sein Blick den des anderen Mannes, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder nach vorn richtete und wartete, während die Waffe ruhig in seinen Händen lag und sein Körper trotz der Hitze vollkommen still geworden war.<br />
<br />
Genau in diesem Augenblick löste sich die Welt um ihn herum auf.<br />
<br />
Die sandfarbenen Fassaden verschwanden nicht in einem langsamen Flimmern und die Geräusche der Straße wurden auch nicht allmählich leiser, sondern brachen so vollständig ab, dass der Übergang beinahe brutaler wirkte als jeder Schuss. Wo eben noch die mexikanische Sonne auf staubige Hauswände gebrannt hatte, standen plötzlich glatte dunkle Wände, unter seinen Stiefeln lag kein Sand mehr und selbst die Hitze schien innerhalb weniger Sekunden zurückzuweichen, obwohl sein Körper noch immer darauf reagierte.<br />
<br />
Adas ließ die Waffe sinken.<br />
<br />
Er nahm die Brille erst ab, nachdem die Statusanzeige am Rand seines Sichtfeldes das Ende der Sequenz bestätigt hatte, und blinzelte gegen die nüchterne Beleuchtung des Trainingsraumes, während die Sensoren des eng anliegenden Anzugs noch immer auf seiner Haut saßen und die Kühlung erst langsam gegen die künstlich erzeugte Wärme anarbeitete.<br />
<br />
Der Schweiß auf seinem Rücken war ebenso real wie die Erschöpfung seiner Muskeln.<br />
<br />
Nur Mexiko war es nicht gewesen.<br />
<br />
Die Waffe in seinen Händen besaß das Gewicht, die Balance und das Verhalten ihres realen Gegenstücks, würde jedoch niemals ein Projektil abfeuern, während der Anzug unter seiner Kleidung nicht nur Bewegungen und Vitalparameter erfasste, sondern über zahllose Kontaktpunkte auch dafür sorgen konnte, dass ein Treffer nicht lediglich als rote Markierung auf irgendeiner späteren Auswertung erschien. Farlow hatte in den vergangenen Jahren erheblichen Aufwand darin investiert, dem menschlichen Nervensystem überzeugend mitzuteilen, dass etwas verletzt worden war, selbst wenn die Haut darunter vollkommen intakt blieb, und inzwischen konnte das System den dumpfen Schmerz eines Schlages ebenso simulieren wie den brennenden Einschlag eines Projektils, ohne dafür tatsächlich Gewebe zu zerstören.<br />
<br />
Adas hatte beides bereits ausprobiert und auf eine Wiederholung keinen besonderen Wert gelegt.<br />
<br />
Er schob die Schutzbrille vollständig nach oben und sah zu Rhett hinüber, während irgendwo außerhalb des Trainingsbereichs bereits die ersten Daten ihrer Sequenz ausgewertet wurden.<br />
<br />
Es war nicht seine Aufgabe zu entscheiden, ob der Falkenwandler künftig mit den operativen Einheiten der CrescentProwler hinausgeschickt wurde, und Adas hatte auch nicht vor, sich eine Autorität anzumaßen, die ihm nicht zustand.<br />
<br />
Aber irgendwann würde jemand ihn fragen, ob er Rhett bei einem echten Einsatz neben sich haben wollte.<br />
Bis dahin hatten sie noch einige Simulationen vor sich.<br />
<br />
<ina>"Willst du eine Pause, oder gleich die nächste? Diesmal vielleicht was mit Feindkontakt?"</ina>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Die Hitze hatte sich längst zwischen den Häusern festgesetzt und schien mit jeder weiteren Minute schwerer zu werden, als würde die Sonne nicht nur von dem wolkenlosen Himmel auf sie herabbrennen, sondern gleichzeitig aus den sandfarbenen Mauern zurückstrahlen, die den schmalen Straßenzug zu beiden Seiten begrenzten und kaum genug Schatten warfen, um einen Unterschied zu machen. Selbst dort, wo keine direkte Sonne auf seine Kleidung fiel, hatte sich der Camouflage-Stoff unangenehm erwärmt, während sich unter der taktischen Weste Feuchtigkeit sammelte und der Schweiß langsam zwischen seinen Schulterblättern hinablief, ohne irgendwohin entweichen zu können.<br />
<br />
Adas ignorierte das stetig zunehmende Unbehagen ebenso, wie er das Gewicht der Ausrüstung ignorierte, das seit Stunden auf seinen Schultern lag und sich bei jedem Schritt bemerkbar machte, sobald sich Magazine, Wasser, medizinische Versorgung und der übrige Inhalt seiner Weste gegeneinander verschoben. Nichts davon war ungewöhnlich genug, um Aufmerksamkeit zu verdienen, denn Hitze war Hitze und Gewicht blieb Gewicht, solange sein Körper noch ausreichend Reserven besaß, um beides zu kompensieren, weshalb er seine Konzentration lieber auf die Straße vor ihnen richtete und darauf achtete, seine Schritte so zu setzen, dass der feine Sand unter seinen Sohlen möglichst wenig verriet.<br />
<br />
Vollständig verhindern ließ sich das leise Knirschen trotzdem nicht.<br />
<br />
Der Staub lag überall, hatte sich in den Fugen des unebenen Bodens gesammelt und überzog die Fassaden mit einer stumpfen Schicht, die sämtliche Farben verschluckte, bis nur noch verschiedene Abstufungen von Beige, Braun und einem ausgewaschenen Gelb übrigblieben. Hin und wieder löste ein Windstoß den feinen Sand vom Boden und trieb ihn durch die schmalen Gassen, wo er sich in kleinen Wirbeln verfing, gegen geschlossene Fensterläden schlug und erst wieder zu Boden sank, wenn die Luft zwischen den eng stehenden Gebäuden zur Ruhe kam.<br />
<br />
Adas nahm einen tiefen Atemzug und hörte das gedämpfte Geräusch, mit dem die Atemluft durch den Filter seiner Maske gezogen wurde, ehe sie seine Lungen erreichte. Der Widerstand war gering, aber nach mehreren Stunden deutlich genug, dass jeder Atemzug eine Spur bewusster erfolgen musste, während das Material dicht an seinem Gesicht anlag und unangenehm gegen den Nasenrücken drückte. Dafür schmeckte er den Staub nicht, der andernfalls längst auf seiner Zunge gelegen und bei jedem Schlucken in seinem Hals gekratzt hätte, und angesichts der feinen Partikel, die selbst in den kleinsten Ritzen der Häuser hingen, war ihm dieser Tausch durchaus willkommen.<br />
<br />
Seit mehr als einer halben Stunde war sein eigener Atem außerdem eines der wenigen Geräusche, auf deren Beständigkeit er sich verlassen konnte.<br />
<br />
Der Kommunikationskanal war zuerst von einem leichten Rauschen durchzogen worden, das noch niemanden beunruhigt hatte, weil die dichte Bebauung und die bekannten Störsysteme in diesem Gebiet seit Beginn des Einsatzes immer wieder für kleinere Aussetzer gesorgt hatten. Danach waren einzelne Worte verloren gegangen, Stimmen hatten sich verzerrt und schließlich war die Verbindung vollständig zusammengebrochen, ohne dass einer der alternativen Kanäle übernommen hatte. Auch der Versuch, über das sekundäre System Kontakt zum Rest der Einheit aufzunehmen, war gescheitert, sodass irgendwann nur noch die gleichmäßige Stille in seinem Ohr zurückgeblieben war, die ihnen inzwischen unmissverständlich mitteilte, dass sie auf sich allein gestellt waren.<br />
<br />
Zumindest vorläufig.<br />
<br />
Adas ging nicht davon aus, dass der Rest ihrer Einheit untätig darauf wartete, ob sie irgendwann wieder auftauchten, doch solange er nicht wusste, wo sich die anderen befanden und welche Teile ihres Kommunikationssystems kompromittiert worden waren, änderte dieses Wissen wenig an ihrer gegenwärtigen Situation. Ihr ursprünglicher Rückweg war nicht länger sicher, der vereinbarte Sammelpunkt hatte sich durch eine Straßensperre erledigt, die laut der Aufklärung überhaupt nicht existieren sollte, und der kürzeste alternative Weg führte sie durch einen Teil des Viertels, über den ihre Informationen bestenfalls lückenhaft waren. Die Umgebung mittels seiner medialen Kräfte zu scannen fiel ebenfalls aus, weil sie keine Ahnung hatten, ob in der Nähe starke Telepathen anwesend waren. <br />
<br />
Damit blieben zwei Möglichkeiten, von denen Adas keine besonders gefiel.<br />
<br />
Sie konnten versuchen, das Gebiet weiträumig zu umgehen und dabei erheblich länger ohne Verbindung zur Einheit durch feindlich kontrolliertes Gelände ziehen, oder sie konnten eine direktere Route wählen, deren Verlauf sie zwar kannten, über deren aktuelle Sicherheitslage jedoch niemand eine verlässliche Aussage treffen konnte.<br />
<br />
Beides war beschissen, weshalb es keinen Sinn ergab, Zeit damit zu verschwenden, sich darüber zu ärgern.<br />
<br />
Einige Meter vor der nächsten Kreuzung verlangsamte Adas seine Schritte, bis er schließlich stehen blieb und die geschlossene Faust auf Schulterhöhe hob, während sein Blick über die Häuserfront vor ihnen wanderte. Er musste sich nicht umdrehen, um zu überprüfen, ob Rhett das Signal gesehen hatte, denn wenn ein Mann mit der militärischen Vergangenheit, die man dem Falkenwandler zugeschrieben hatte, ein derart grundlegendes Handzeichen übersah, würden sie ohnehin sehr bald ein wesentlich größeres Problem haben.<br />
<br />
Mehr wusste Adas über dessen Vergangenheit bislang allerdings kaum.<br />
<br />
Irgendwo in Europa hatte Rhett bereits einer militärisch organisierten Einheit angehört, wobei weder deren genaue Struktur noch die Art ihrer Einsätze Informationen waren, mit denen Adas sich näher beschäftigt hatte. Es war nicht seine Aufgabe gewesen, den Falkenwandler aufzunehmen, seine Vergangenheit zu überprüfen oder darüber zu entscheiden, welchen Platz dieser zukünftig innerhalb der CrescentProwler einnehmen würde, und entsprechend wenig interessierte ihn der Teil der Angelegenheit, der außerhalb seines eigenen Zuständigkeitsbereichs lag.<br />
<br />
Wesentlich relevanter war für ihn, was davon übrigblieb, sobald sie draußen waren.<br />
<br />
Eine Ausbildung konnte ausgezeichnet sein und trotzdem einen beschissenen Soldaten hervorbringen, ebenso wie jahrelange Erfahrung wenig darüber aussagte, ob jemand auch dann noch zuverlässig funktionierte, wenn die vorbereiteten Pläne nicht länger griffen. Adas hatte während seiner eigenen Laufbahn genügend Einsätze erlebt, bei denen innerhalb weniger Minuten aus einer sorgfältig geplanten Operation eine Aneinanderreihung improvisierter Entscheidungen geworden war, und dabei gelernt, dass er sich lieber neben jemanden stellte, der seine Grenzen kannte und aufmerksam blieb, als neben einen Mann, der seine eigenen Fähigkeiten maßlos überschätzte.<br />
<br />
Gerade deshalb hatte er bisher kaum versucht, Rhett in ein Gespräch zu verwickeln.<br />
Es gab Situationen, in denen Menschen sehr viel über sich erzählten, ohne ein einziges Wort zu benutzen.<br />
<br />
Adas schob diesen Gedanken beiseite und näherte sich der Hausecke, wobei er seinen Körper dicht an der sonnenwarmen Wand hielt und die Waffe so führte, dass weder der Lauf noch ein anderer Teil seiner Ausrüstung vorzeitig über die Deckung hinausragte. Der Stein war rau genug, dass er selbst durch den Stoff seines Ärmels hindurch jede Unebenheit spürte, als sein Oberarm die Fassade streifte, doch seine Aufmerksamkeit lag längst auf dem Abschnitt der Straße, den er nach und nach einsehen konnte.<br />
<br />
Auf den ersten Blick war dort nichts.<br />
<br />
Ein alter Lieferwagen stand schräg auf der gegenüberliegenden Straßenseite und nahm einen Teil des ohnehin schmalen Fahrwegs ein, während dahinter mehrere Geschäfte lagen, deren Rollläden geschlossen waren. Über einem der Eingänge hing eine verblichene Markise, deren Stoff sich bei jedem Windstoß hob und anschließend mit einem leisen Schlagen gegen die darunterliegende Metallkonstruktion zurückfiel. Zwei Etagen darüber standen einige Fenster offen, andere waren mit hölzernen Läden verschlossen, und auf einem der Balkone hing Wäsche, die sich kaum merklich in der heißen Luft bewegte.<br />
<br />
In einiger Entfernung bellte ein Hund.<br />
<br />
Das Geräusch wurde zwischen den Häusern zurückgeworfen und machte es beinahe unmöglich, seine Entfernung zuverlässig einzuschätzen, doch wenige Sekunden später antwortete ein zweites Tier aus einer anderen Richtung, woraufhin irgendwo eine männliche Stimme laut wurde und beide Hunde kurz darauf verstummten. Übrig blieb das tiefe Brummen eines Generators, das Adas bereits seit einigen Straßen begleitete, vermischt mit dem entfernten Geräusch eines Motors und dem regelmäßigen Schlagen der Markise.<br />
<br />
Eine vollkommen gewöhnliche Straße.<br />
Gerade deshalb betrachtete Adas sie länger.<br />
<br />
Sein Blick wanderte nicht nur über Türen und Fenster, sondern ebenso über die Dächer, die schmalen Durchgänge zwischen den Gebäuden und die Schatten unter dem abgestellten Fahrzeug. Er suchte nicht nach etwas Bestimmtem, weil genau darin die Gefahr lag, wenn man bereits entschieden hatte, was man zu finden erwartete, sondern ließ seine Aufmerksamkeit über jedes Detail gleiten und wartete darauf, dass etwas nicht in das Gesamtbild passte.<br />
<br />
Erst nach einigen Augenblicken hob er eine Hand, deutete mit zwei Fingern auf seine Augen und anschließend auf die gegenüberliegende Dachlinie, womit er Rhett wortlos einen Teil der Straße überließ, ohne dessen Reaktion abzuwarten oder seine eigene Aufmerksamkeit von dem Bereich vor ihnen abzuwenden.<br />
<br />
Wenn der Falkenwandler Erfahrung besaß, würde er wissen, was damit gemeint war.<br />
Wenn seine Erfahrung anders organisiert war als die der CrescentProwler, würde Adas das ebenfalls erfahren.<br />
Beides waren brauchbare Informationen.<br />
<br />
Ein erneuter Windstoß fuhr zwischen den Gebäuden hindurch und hob den Staub in einer so dichten Wolke vom Boden, dass der untere Teil des Lieferwagens für einige Sekunden dahinter verschwand. Irgendetwas Leichtes wurde über die Straße geweht und verfing sich unter dem Fahrzeug, während die Markise erneut gegen ihre Halterung schlug und ein loses Stück Papier über den Asphalt taumelte.<br />
<br />
Adas wartete.<br />
Der Staub senkte sich langsam wieder.<br />
<br />
Der Lieferwagen kam vollständig zum Vorschein, dahinter die geschlossenen Geschäfte und darüber die Fenster, die sich gegenüber dem vorherigen Anblick nicht verändert hatten. Noch immer war niemand zu sehen, niemand bewegte sich auf der Straße und selbst die Hunde waren ruhig geblieben, sodass sich die Umgebung wieder in jene eigentümliche Mischung aus alltäglichen Geräuschen und beinahe vollständiger Menschenleere fügte, die ihn bereits seit einigen Minuten begleitete.<br />
<br />
Trotzdem ging Adas nicht weiter.<br />
Es dauerte einen Moment, bis er verstand, was ihn störte.<br />
<br />
Die Markise bewegte sich weiterhin im Wind, doch das regelmäßige metallische Schlagen, das ihre Bewegung begleitet hatte, war verschwunden.<br />
<br />
Sein Blick blieb an ihr hängen, während er versuchte, die Veränderung einzuordnen. Es konnte vollkommen bedeutungslos sein, weil sich ein loser Haken verschoben oder der Winkel des Windes verändert hatte, doch er hatte lange genug in Situationen wie dieser gearbeitet, um einen Unterschied zwischen Vorsicht und Paranoia nicht daran festzumachen, ob sich ein Verdacht später bestätigte.<br />
<br />
Vorsicht kostete einige Sekunden.<br />
Unachtsamkeit konnte erheblich teurer werden.<br />
Also blieb er stehen, während der Schweiß unter seiner Kleidung langsam über seine Wirbelsäule lief und sich seine Finger ruhig um den Griff der Waffe legten.<br />
<br />
Dann bewegte sich etwas hinter einem der Fenster.<br />
<br />
Es war keine deutlich erkennbare Gestalt und nicht einmal genug, um sicher behaupten zu können, dass dort tatsächlich ein Mensch gestanden hatte, sondern lediglich eine Veränderung des dunklen Rechtecks, das eben noch vollkommen gleichmäßig gewesen war. Für den Bruchteil eines Augenblicks wurde der Schatten unterbrochen, anschließend sah das Fenster wieder genauso aus wie zuvor.<br />
<br />
Adas hob die geschlossene Faust erneut.<br />
<br />
Dieses Mal hielt er sie einige Sekunden sichtbar und deutete anschließend auf das betreffende Gebäude, bevor er zwei Finger nach unten bewegte und damit deutlich machte, dass sie ihre Position vorerst halten würden.<br />
<br />
Er hätte versuchen können, die Straße trotzdem zu überqueren, doch dafür gab es keinen Grund. Ihr Ziel bestand nicht darin, möglichst schnell zurückzukehren, sondern überhaupt zurückzukehren, und solange sie nicht wussten, ob sie entdeckt worden waren, war Zeit die einzige Ressource, von der sie noch ausreichend besaßen.<br />
<br />
Zumindest hoffte er das.<br />
<br />
Hinter ihnen lag weiterhin der Weg, den sie gekommen waren, während sich knapp zwanzig Meter zurück eine schmale Seitengasse zwischen zwei Gebäuden hindurchzog, die auf den vorhandenen Karten als Verbindung zur parallel verlaufenden Straße eingezeichnet war. Sie würde ihren Rückweg verlängern, allerdings nur um wenige Minuten, und bot erheblich mehr Deckung als die offene Straße vor ihnen.<br />
<br />
Unter normalen Umständen hätte Adas nicht lange darüber nachgedacht.<br />
Doch normale Umstände hätten bedeutet, dass er wusste, wo sich der Rest seiner Einheit befand.<br />
<br />
Er wandte den Kopf gerade weit genug, um Rhett in sein Sichtfeld zu bekommen, und deutete zunächst auf die Straße vor ihnen, anschließend zurück in Richtung der schmalen Seitengasse. Eine knappe Bewegung seiner Hand machte deutlich, dass er die offene Route verwarf.<br />
<br />
Danach wartete er.<br />
<br />
Nicht auf Zustimmung, denn eine Abstimmung über jede taktische Entscheidung war ebenso unsinnig wie ein Mann, der glaubte, seine Position gäbe ihm automatisch in jeder Situation recht. Er wartete darauf zu sehen, ob Rhett etwas entdeckt hatte, das ihm selbst entgangen war, ob der Falkenwandler einen Einwand gegen den Rückzug besaß oder ob dessen Aufmerksamkeit längst auf einer vollkommen anderen Gefahr lag.<br />
<br />
Es war ein kurzer Augenblick, in dem nichts geschah und dennoch ausreichend Raum bestand, um eine falsche Entscheidung zu treffen.<br />
<br />
Dann bellte der Hund wieder.<br />
Dieses Mal klang er deutlich näher.<br />
<br />
Fast gleichzeitig sprang irgendwo auf der anderen Straßenseite ein Motor an, dessen tiefes Aufheulen zwischen den Häusern widerhallte und für einige Sekunden jedes leisere Geräusch verschluckte. Adas' Blick glitt automatisch zurück zur Kreuzung, während seine Hand die Waffe etwas höher nahm und sein Körper sich näher an die Hauswand schob.<br />
<br />
Der Motor blieb nicht im Leerlauf.<br />
Er wurde lauter.<br />
Kam näher.<br />
<br />
Adas sah noch immer kein Fahrzeug, doch die Richtung ließ sich inzwischen eindeutig bestimmen, und wenn der Fahrer die Straße benutzte, die vor ihnen verlief, würde er innerhalb weniger Augenblicke die Kreuzung erreichen.<br />
<br />
Ein ziviles Fahrzeug wäre bedeutungslos gewesen.<br />
Ein ziviles Fahrzeug mit einem Fahrer, der sich später daran erinnerte, zwei bewaffnete Fremde gesehen zu haben, war es nicht.<br />
<br />
Er deutete Rhett mit einer kurzen Bewegung an, sich zurückzuziehen, und setzte sich anschließend selbst rückwärts in Bewegung, ohne der Kreuzung vollständig den Rücken zuzuwenden. Seine Schritte blieben kontrolliert und langsam genug, dass das Knirschen des Sandes unter seinen Stiefeln nicht über das Motorengeräusch hinausgetragen wurde, während er jeden Meter nutzte, um den Abstand zur offenen Straße zu vergrößern.<br />
<br />
Der Wagen erreichte die Kreuzung nicht.<br />
Das Motorengeräusch brach so abrupt ab, dass die zurückkehrende Stille beinahe körperlich spürbar wurde.<br />
Adas blieb stehen.<br />
<br />
Es gab genügend harmlose Erklärungen dafür, warum jemand einen Motor startete, einige Meter fuhr und ihn anschließend wieder ausschaltete, doch keine davon gefiel ihm in Verbindung mit der Bewegung hinter dem Fenster.<br />
<br />
Er hob die Waffe endgültig in eine Position, aus der er sie ohne weitere Verzögerung einsetzen konnte, und lauschte.<br />
<br />
Zunächst hörte er nur seinen eigenen Atem, der weiterhin gleichmäßig durch die Filtereinheit strömte, dann das entfernte Brummen des Generators und schließlich etwas, das wesentlich näher war.<br />
<br />
Eine Tür.<br />
Nicht laut zugeschlagen, sondern vorsichtig geschlossen.<br />
Adas richtete seinen Blick auf den Zugang zur Straße.<br />
<br />
Sie mussten weg.<br />
<br />
Nicht schnell und schon gar nicht blind, aber sie mussten ihre gegenwärtige Position verlassen, bevor aus einem möglichen Verdacht eine Gewissheit wurde. Die Seitengasse war weiterhin ihre beste Option, sofern dort nicht bereits jemand auf sie wartete, und für eine gründliche Überprüfung fehlte ihnen inzwischen die Zeit.<br />
<br />
Er deutete zurück.<br />
Zwei Finger.<br />
Dann auf Rhett.<br />
<br />
Die Bedeutung war einfach genug: Der Falkenwandler sollte die Gasse überprüfen.<br />
<br />
Adas würde die Straße halten.<br />
<br />
Für einen kurzen Moment traf sein Blick den des anderen Mannes, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder nach vorn richtete und wartete, während die Waffe ruhig in seinen Händen lag und sein Körper trotz der Hitze vollkommen still geworden war.<br />
<br />
Genau in diesem Augenblick löste sich die Welt um ihn herum auf.<br />
<br />
Die sandfarbenen Fassaden verschwanden nicht in einem langsamen Flimmern und die Geräusche der Straße wurden auch nicht allmählich leiser, sondern brachen so vollständig ab, dass der Übergang beinahe brutaler wirkte als jeder Schuss. Wo eben noch die mexikanische Sonne auf staubige Hauswände gebrannt hatte, standen plötzlich glatte dunkle Wände, unter seinen Stiefeln lag kein Sand mehr und selbst die Hitze schien innerhalb weniger Sekunden zurückzuweichen, obwohl sein Körper noch immer darauf reagierte.<br />
<br />
Adas ließ die Waffe sinken.<br />
<br />
Er nahm die Brille erst ab, nachdem die Statusanzeige am Rand seines Sichtfeldes das Ende der Sequenz bestätigt hatte, und blinzelte gegen die nüchterne Beleuchtung des Trainingsraumes, während die Sensoren des eng anliegenden Anzugs noch immer auf seiner Haut saßen und die Kühlung erst langsam gegen die künstlich erzeugte Wärme anarbeitete.<br />
<br />
Der Schweiß auf seinem Rücken war ebenso real wie die Erschöpfung seiner Muskeln.<br />
<br />
Nur Mexiko war es nicht gewesen.<br />
<br />
Die Waffe in seinen Händen besaß das Gewicht, die Balance und das Verhalten ihres realen Gegenstücks, würde jedoch niemals ein Projektil abfeuern, während der Anzug unter seiner Kleidung nicht nur Bewegungen und Vitalparameter erfasste, sondern über zahllose Kontaktpunkte auch dafür sorgen konnte, dass ein Treffer nicht lediglich als rote Markierung auf irgendeiner späteren Auswertung erschien. Farlow hatte in den vergangenen Jahren erheblichen Aufwand darin investiert, dem menschlichen Nervensystem überzeugend mitzuteilen, dass etwas verletzt worden war, selbst wenn die Haut darunter vollkommen intakt blieb, und inzwischen konnte das System den dumpfen Schmerz eines Schlages ebenso simulieren wie den brennenden Einschlag eines Projektils, ohne dafür tatsächlich Gewebe zu zerstören.<br />
<br />
Adas hatte beides bereits ausprobiert und auf eine Wiederholung keinen besonderen Wert gelegt.<br />
<br />
Er schob die Schutzbrille vollständig nach oben und sah zu Rhett hinüber, während irgendwo außerhalb des Trainingsbereichs bereits die ersten Daten ihrer Sequenz ausgewertet wurden.<br />
<br />
Es war nicht seine Aufgabe zu entscheiden, ob der Falkenwandler künftig mit den operativen Einheiten der CrescentProwler hinausgeschickt wurde, und Adas hatte auch nicht vor, sich eine Autorität anzumaßen, die ihm nicht zustand.<br />
<br />
Aber irgendwann würde jemand ihn fragen, ob er Rhett bei einem echten Einsatz neben sich haben wollte.<br />
Bis dahin hatten sie noch einige Simulationen vor sich.<br />
<br />
<ina>"Willst du eine Pause, oder gleich die nächste? Diesmal vielleicht was mit Feindkontakt?"</ina>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[you're crazy until you're successful. then you're genius!]]></title>
			<link>https://claws.test.stories-untold.de/showthread.php?tid=577</link>
			<pubDate>Thu, 28 May 2026 12:47:42 +0000</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://claws.test.stories-untold.de/member.php?action=profile&uid=78">Briar Blackbeak</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://claws.test.stories-untold.de/showthread.php?tid=577</guid>
			<description><![CDATA[Das Labor lag tief im Herzen des Komplexes wie ein sterilisiertes Nervenzentrum aus Glas, Licht und summender Präzision. Keine Fenster nach draußen. Keine direkte Verbindung zur Außenwelt. Nur Schichten aus Sicherheitsprotokollen, schalldämpfenden Wänden und intelligenten Zugangssystemen, die jede Bewegung registrierten, analysierten und katalogisierten. Der einzige Hinweis darauf, dass hier tatsächlich jemand arbeitete und nicht bloß Maschinen autonom Prozesse abwickelten, war das unregelmäßige Flackern zahlloser Hologrammoberflächen und das gelegentliche, metallische Klacken feinmechanischer Werkzeuge.<br />
<br />
Briar liebte diesen Ort.<br />
<br />
Vielleicht ein wenig zu sehr.<br />
<br />
Das Labor war nicht einfach nur ein Arbeitsplatz. Es war eine Erweiterung ihres Verstandes. Ein physischer Ausdruck ihres Chaos, kanalisiert durch Genialität und einen beinahe krankhaften Perfektionismus, wenn es um Dinge ging, die ihr tatsächlich wichtig waren. Und dieses Projekt… dieses verdammte Projekt war nicht einfach wichtig.<br />
<br />
Es war heilig.<br />
<br />
Der Raum erstreckte sich weitläufig über mehrere Ebenen und war in unterschiedliche Sektionen unterteilt, die durch hohe Glaswände voneinander getrennt wurden. Kristallklar im inaktiven Zustand, doch mit einem simplen Sprachbefehl konnten sie milchig und undurchsichtig werden, jede Station vollständig isolieren oder sensible Arbeitsbereiche vor neugierigen Blicken abschirmen. In den Glasflächen liefen ununterbrochen feine Linien aus Daten entlang. Sicherheitscodes. Temperaturanzeigen. Luftreinheitswerte. Biometrische Parameter.<br />
<br />
Alles kontrolliert.<br />
Alles überwacht.<br />
Alles unter ihrer Hand.<br />
<br />
Im vorderen Bereich des Labors befanden sich mehrere modulare Werkbänke aus dunklem Verbundmetall, über denen holografische Interfaces schwebten. Zerlegte Waffen lagen dort nicht wie gewöhnlicher Schrott herum, sondern wie geöffnete Körper auf einem Operationstisch. Präzisionsgewehre mit freigelegten Energiekanälen. Modifizierte Magazine. Prototypische Klingen mit vibrierenden Schneiden, deren Energiekerne in transparenten Schächten pulsierten. Über einigen Arbeitsflächen rotierten dreidimensionale Blaupausen in blassem Cyanlicht, während Algorithmen Materialbelastungen simulierten und Schwachstellen berechneten.<br />
<br />
Weiter hinten befand sich die biotechnische Sektion.<br />
<br />
Ihr neuster Lieblingsbereich.<br />
<br />
Dort war die Atmosphäre eine andere als im restlichen Labor.<br />
<br />
Kühler.<br />
Leiser.<br />
Fast ehrfürchtig.<br />
<br />
Die Beleuchtung war heller und klinischer gehalten, reflektierte sich in makellosen Oberflächen und warf sterile Schatten über die makellos gereinigten Instrumententische. Die Luft roch nach Desinfektionsmitteln, Metall und diesem charakteristischen, beinahe elektrischen Geruch hochentwickelter Technologie, die ununterbrochen lief.<br />
<br />
Zylindrische Analysebehälter standen entlang der Wände wie ruhende Maschinenwesen, gefüllt mit schimmernden Flüssigkeiten und mikroskopischen Nanoscans biologischer Strukturen. Mehrere vertikale Bildschirme projizierten DNA-Stränge in die Luft, deren Sequenzen sich unablässig bewegten und neu sortierten. Zellverhalten. Gewebeadaption. Belastungsanalysen unter Wandlungsstress.<br />
<br />
Alles drehte sich um denselben Kern.<br />
<br />
<i>Den Chip</i>.<br />
<br />
Briars Blick hob sich zu dem holografischen Modell, das über der zentralen Arbeitsstation schwebte.<br />
<br />
Kaum größer als der Fingernagel ihres kleinen Fingers.<br />
<br />
Unspektakulär für jeden, der nicht verstand, was er dort eigentlich sah.<br />
<br />
Ein winziges Stück Technologie, das Jahre ihres Lebens verschlungen hatte. Jahre voller Fehlschläge. Zerstörter Prototypen. Implodierter Nanostrukturen. Verlorener Testreihen. Materialversagen während der Wandlungsimulationen. Signalstörungen. Abstoßungsreaktionen.<br />
<br />
Und trotzdem hatte sie nie aufgehört.<br />
Nicht nach der ersten Sackgasse.<br />
Nicht nach der zehnten.<br />
<br />
Nicht einmal nach jener Nacht, in der sie stundenlang reglos vor den Daten gesessen hatte, weil die letzte Simulation exakt denselben Fehler zeigte wie die fünf davor und sie ernsthaft darüber nachgedacht hatte, alles gegen die Wand zu werfen.<br />
<br />
Doch das hatte sie nicht. Und sie hatte nicht aufgegeben. Jetzt wurde sie endlich dafür belohnt.<br />
<br />
Der Chip rotierte langsam im Hologramm, während verschiedene Schichten transparent dargestellt wurden. Außenhülle. Adaptive Verankerungskomponenten. Biokompatible Nanofasern. Der eigentliche Senderkern tief im Inneren, geschützt durch mehrere Abschirmungsebenen, die moderne Ortungssysteme täuschen und gleichzeitig verhindern sollten, dass die Wandlung eines Gestaltwandlers das Ding schlicht zerfetzte.<br />
<br />
Ihr Lebenswerk.<br />
<br />
Ein Ortungschip, der selbst nach einer vollständigen Wandlung stabil blieb.<br />
<br />
Unsichtbar.<br />
Nicht zurückverfolgbar.<br />
Nicht störanfällig.<br />
Und vor allem: zuverlässig.<br />
<br />
Briars Hände bewegten sich routiniert über die holografischen Bedienfelder. Mehrere Fenster verschoben sich gleichzeitig, Daten wurden geöffnet, minimiert, neu angeordnet. Ihr Gehirn arbeitete schneller als die meisten Systeme, mit denen sie interagierte. Sie überprüfte ein letztes Mal die Vitalparameter der bisherigen Testreihen, ließ Materialanalysen durchlaufen und kontrollierte die Sterilisationswerte des Operationsbereiches.<br />
<br />
Perfekt.<br />
Es musste perfekt sein.<br />
<br />
Denn irgendwo tief unter all der Rationalität und den mathematischen Gleichungen existierte noch immer dieses eine Bild, das sie nie ganz losgeworden war.<br />
<br />
Ein Trupp, der ohne ihren Vater zurückgekehrt war.<br />
Zu spät.<br />
Immer zu spät.<br />
<br />
Sie erinnerte sich nicht mehr an jedes Detail dieses Tages. Erinnerungen zerfransten mit der Zeit, wurden weich an den Kanten. Aber das Gefühl war geblieben. Dieses kalte, hohle Wissen, dass irgendwo da draußen jemand gelegen hatte, verletzt, allein, möglicherweise noch am Leben … und niemand hatte ihn rechtzeitig gefunden.<br />
<br />
Weil niemand wusste, wo er war.<br />
<br />
Briar hatte damals beschlossen, dass sie dieses Problem irgendwann lösen würde.<br />
<br />
Menschen trafen ständig große emotionale Schwüre und vergaßen sie dann nach zwei Wochen wieder. Wie Neujahrsvorsätze mit mehr Traumaanteil. Sie nicht.<br />
<br />
Sie machte aus Dingen Obsessionen.<br />
<br />
Und jetzt stand sie kurz davor.<br />
<br />
Ihr Blick glitt zur abgeschirmten Sektion am hinteren Ende des Labors. Der sterile Eingriffsbereich war bereits vorbereitet. Transparente Instrumententische standen ordentlich sortiert bereit, jede Klinge, jedes Werkzeug exakt ausgerichtet. Darüber schwebten mehrere medizinische Interfaces, die Vitaldaten in Echtzeit erfassen würden. Ein autonomer Assistenzarm ruhte bewegungslos in seiner Halterung an der Decke, bereit, auf Sprachbefehle zu reagieren.<br />
<br />
In der Mitte stand der Stuhl.<br />
<br />
Übergroß. Gepolstert. Komfortabler als vieles, worin Soldaten vermutlich freiwillig schliefen.<br />
<br />
Briar verlangsamte ihre Schritte, als sie daran vorbeiging.<br />
<br />
Nur minimal.<br />
Kaum sichtbar.<br />
Aber genug.<br />
<br />
Ihr Mund verzog sich leicht, als sie an die letzte Person dachte, die in diesem Stuhl gesessen hatte, um ihr bei ihrem Projekt zu helfen.<br />
<br />
Letitia.<br />
<br />
Vor wenigen Wochen hatte die Soldatin noch genau dort gesessen. Beine locker überschlagen. Eine ihrer trockenen Bemerkungen auf den Lippen, während Briar Gewebeproben entnommen und parallel drei andere Dinge gleichzeitig erklärt hatte, die absolut niemand außer ihr interessant fand.<br />
<br />
Jetzt war sie tot.<br />
Der Platz leer.<br />
<br />
Und obwohl Briar nicht zu denen gehörte, die sich in Trauer verloren oder stundenlang sentimental vor sich hin zerfielen, zog sich für einen kurzen Augenblick etwas dumpf in ihrer Brust zusammen.<br />
<br />
Frisch genug, um noch weh zu tun.<br />
<br />
Sie blieb einen Herzschlag länger stehen, ließ den Blick über die Lehne des Sessels wandern und atmete langsam durch das transparente Visier aus.<br />
<br />
<ina> "Verdammt beschissener Zeitpunkt zum Sterben"</ina>, murmelte sie leise in den Raum hinein.<br />
<br />
Trocken.<br />
Fast genervt.<br />
Und gerade deshalb ehrlich.<br />
<br />
Dann richtete sie die Schultern wieder auf und machte weiter. So funktionierte das Leben nun einmal. Vor allem in diesem Rudel.<br />
<br />
Menschen starben.<br />
Soldaten verschwanden.<br />
Und genau deswegen stand sie hier.<br />
<br />
Nicht für Ruhm. Nicht für wissenschaftliche Anerkennung. Nicht für irgendwelche idiotischen Medialen-Auszeichnungen, die am Ende sowieso nur aus selbstgefälligen Leuten bestanden, die sich gegenseitig Preise dafür verliehen, besonders effizient mit Zahlen jonglieren zu können.<br />
<br />
Sie tat das hier, damit niemand ihres Rudels jemals einfach spurlos verschwand.<br />
Damit jemand gefunden werden konnte, bevor es zu spät war.<br />
Bevor wieder nur Stille zurückblieb.<br />
<br />
Ein leises Signal erklang an der Außenschleuse des Labors.<br />
<br />
Cyrel.<br />
<br />
Briar hob den Blick zu den Sicherheitsanzeigen, die seine Identität bestätigten. Für den Bruchteil einer Sekunde musterte sie ihr eigenes Spiegelbild in der Glasfläche daneben.<br />
<br />
Kaum wiederzuerkennen.<br />
<br />
Ihre wilde rote Lockenmähne war vollständig gebändigt und ordentlich hochgesteckt. Kein einziges widerspenstiges Knäuel sprang in alle Richtungen wie sonst. Die klinische Kleidung saß ungewohnt ordentlich an ihr, der dunkle Kasack sauber und faltenfrei. Handschuhe bedeckten ihre Hände, während das transparente Visier vor ihrem Mund ihr Gesicht leicht verzerrte.<br />
<br />
Keine Bandshirts.<br />
Keine Snackkrümel auf dem Stoff, keine ölverschmierten Finger.<br />
Keine zerschlissenen Jeans.<br />
<br />
<br />
Heute war sie nicht der chaotische Wirbelwind, den das Rudel gewohnt war.<br />
Heute war sie Wissenschaftlerin.<br />
<br />
Und ihr verdammtes Meisterwerk würde funktionieren!<br />
<br />
<ina> "Komm rein, zieh dich aus. Ich muss dich dekontaminieren und anschließend deinen Rücken desinfizieren, ehe ich dich nach hinten bringe."</ina> Einen Moment lang stockte sie. Sah zu dem Soldaten auf, der vor ihr stand. Erinnerte sich an das, was man ihr immer wieder riet. Erinnerte sich an ihre Erziehung. Die 'gute Kinderstube'. Und weil sie nicht im Wald bei wilden Tieren aufgewachsen war, wusste sie auch genau, womit sie eigentlich hätte anfangen sollen. <ina> "Hallo. Danke, dass du dich gemeldet hast."</ina><br />
<br />
Sie musste ihre Versuchskaninchen ... personen, Versuchspersonen! bei Laune halten. Immerhin war ihre eigene Genialität nur eine Seite der Medaille und sie brauchte die Wandler, um die Funktionalität ihres Prototyps sicherzustellen. Die Alphaversion war vielversprechend gewesen doch Fehleranfällig, sie hoffte sehr darauf, dass sie in der Betaversion alles ausgemerzt hatte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Das Labor lag tief im Herzen des Komplexes wie ein sterilisiertes Nervenzentrum aus Glas, Licht und summender Präzision. Keine Fenster nach draußen. Keine direkte Verbindung zur Außenwelt. Nur Schichten aus Sicherheitsprotokollen, schalldämpfenden Wänden und intelligenten Zugangssystemen, die jede Bewegung registrierten, analysierten und katalogisierten. Der einzige Hinweis darauf, dass hier tatsächlich jemand arbeitete und nicht bloß Maschinen autonom Prozesse abwickelten, war das unregelmäßige Flackern zahlloser Hologrammoberflächen und das gelegentliche, metallische Klacken feinmechanischer Werkzeuge.<br />
<br />
Briar liebte diesen Ort.<br />
<br />
Vielleicht ein wenig zu sehr.<br />
<br />
Das Labor war nicht einfach nur ein Arbeitsplatz. Es war eine Erweiterung ihres Verstandes. Ein physischer Ausdruck ihres Chaos, kanalisiert durch Genialität und einen beinahe krankhaften Perfektionismus, wenn es um Dinge ging, die ihr tatsächlich wichtig waren. Und dieses Projekt… dieses verdammte Projekt war nicht einfach wichtig.<br />
<br />
Es war heilig.<br />
<br />
Der Raum erstreckte sich weitläufig über mehrere Ebenen und war in unterschiedliche Sektionen unterteilt, die durch hohe Glaswände voneinander getrennt wurden. Kristallklar im inaktiven Zustand, doch mit einem simplen Sprachbefehl konnten sie milchig und undurchsichtig werden, jede Station vollständig isolieren oder sensible Arbeitsbereiche vor neugierigen Blicken abschirmen. In den Glasflächen liefen ununterbrochen feine Linien aus Daten entlang. Sicherheitscodes. Temperaturanzeigen. Luftreinheitswerte. Biometrische Parameter.<br />
<br />
Alles kontrolliert.<br />
Alles überwacht.<br />
Alles unter ihrer Hand.<br />
<br />
Im vorderen Bereich des Labors befanden sich mehrere modulare Werkbänke aus dunklem Verbundmetall, über denen holografische Interfaces schwebten. Zerlegte Waffen lagen dort nicht wie gewöhnlicher Schrott herum, sondern wie geöffnete Körper auf einem Operationstisch. Präzisionsgewehre mit freigelegten Energiekanälen. Modifizierte Magazine. Prototypische Klingen mit vibrierenden Schneiden, deren Energiekerne in transparenten Schächten pulsierten. Über einigen Arbeitsflächen rotierten dreidimensionale Blaupausen in blassem Cyanlicht, während Algorithmen Materialbelastungen simulierten und Schwachstellen berechneten.<br />
<br />
Weiter hinten befand sich die biotechnische Sektion.<br />
<br />
Ihr neuster Lieblingsbereich.<br />
<br />
Dort war die Atmosphäre eine andere als im restlichen Labor.<br />
<br />
Kühler.<br />
Leiser.<br />
Fast ehrfürchtig.<br />
<br />
Die Beleuchtung war heller und klinischer gehalten, reflektierte sich in makellosen Oberflächen und warf sterile Schatten über die makellos gereinigten Instrumententische. Die Luft roch nach Desinfektionsmitteln, Metall und diesem charakteristischen, beinahe elektrischen Geruch hochentwickelter Technologie, die ununterbrochen lief.<br />
<br />
Zylindrische Analysebehälter standen entlang der Wände wie ruhende Maschinenwesen, gefüllt mit schimmernden Flüssigkeiten und mikroskopischen Nanoscans biologischer Strukturen. Mehrere vertikale Bildschirme projizierten DNA-Stränge in die Luft, deren Sequenzen sich unablässig bewegten und neu sortierten. Zellverhalten. Gewebeadaption. Belastungsanalysen unter Wandlungsstress.<br />
<br />
Alles drehte sich um denselben Kern.<br />
<br />
<i>Den Chip</i>.<br />
<br />
Briars Blick hob sich zu dem holografischen Modell, das über der zentralen Arbeitsstation schwebte.<br />
<br />
Kaum größer als der Fingernagel ihres kleinen Fingers.<br />
<br />
Unspektakulär für jeden, der nicht verstand, was er dort eigentlich sah.<br />
<br />
Ein winziges Stück Technologie, das Jahre ihres Lebens verschlungen hatte. Jahre voller Fehlschläge. Zerstörter Prototypen. Implodierter Nanostrukturen. Verlorener Testreihen. Materialversagen während der Wandlungsimulationen. Signalstörungen. Abstoßungsreaktionen.<br />
<br />
Und trotzdem hatte sie nie aufgehört.<br />
Nicht nach der ersten Sackgasse.<br />
Nicht nach der zehnten.<br />
<br />
Nicht einmal nach jener Nacht, in der sie stundenlang reglos vor den Daten gesessen hatte, weil die letzte Simulation exakt denselben Fehler zeigte wie die fünf davor und sie ernsthaft darüber nachgedacht hatte, alles gegen die Wand zu werfen.<br />
<br />
Doch das hatte sie nicht. Und sie hatte nicht aufgegeben. Jetzt wurde sie endlich dafür belohnt.<br />
<br />
Der Chip rotierte langsam im Hologramm, während verschiedene Schichten transparent dargestellt wurden. Außenhülle. Adaptive Verankerungskomponenten. Biokompatible Nanofasern. Der eigentliche Senderkern tief im Inneren, geschützt durch mehrere Abschirmungsebenen, die moderne Ortungssysteme täuschen und gleichzeitig verhindern sollten, dass die Wandlung eines Gestaltwandlers das Ding schlicht zerfetzte.<br />
<br />
Ihr Lebenswerk.<br />
<br />
Ein Ortungschip, der selbst nach einer vollständigen Wandlung stabil blieb.<br />
<br />
Unsichtbar.<br />
Nicht zurückverfolgbar.<br />
Nicht störanfällig.<br />
Und vor allem: zuverlässig.<br />
<br />
Briars Hände bewegten sich routiniert über die holografischen Bedienfelder. Mehrere Fenster verschoben sich gleichzeitig, Daten wurden geöffnet, minimiert, neu angeordnet. Ihr Gehirn arbeitete schneller als die meisten Systeme, mit denen sie interagierte. Sie überprüfte ein letztes Mal die Vitalparameter der bisherigen Testreihen, ließ Materialanalysen durchlaufen und kontrollierte die Sterilisationswerte des Operationsbereiches.<br />
<br />
Perfekt.<br />
Es musste perfekt sein.<br />
<br />
Denn irgendwo tief unter all der Rationalität und den mathematischen Gleichungen existierte noch immer dieses eine Bild, das sie nie ganz losgeworden war.<br />
<br />
Ein Trupp, der ohne ihren Vater zurückgekehrt war.<br />
Zu spät.<br />
Immer zu spät.<br />
<br />
Sie erinnerte sich nicht mehr an jedes Detail dieses Tages. Erinnerungen zerfransten mit der Zeit, wurden weich an den Kanten. Aber das Gefühl war geblieben. Dieses kalte, hohle Wissen, dass irgendwo da draußen jemand gelegen hatte, verletzt, allein, möglicherweise noch am Leben … und niemand hatte ihn rechtzeitig gefunden.<br />
<br />
Weil niemand wusste, wo er war.<br />
<br />
Briar hatte damals beschlossen, dass sie dieses Problem irgendwann lösen würde.<br />
<br />
Menschen trafen ständig große emotionale Schwüre und vergaßen sie dann nach zwei Wochen wieder. Wie Neujahrsvorsätze mit mehr Traumaanteil. Sie nicht.<br />
<br />
Sie machte aus Dingen Obsessionen.<br />
<br />
Und jetzt stand sie kurz davor.<br />
<br />
Ihr Blick glitt zur abgeschirmten Sektion am hinteren Ende des Labors. Der sterile Eingriffsbereich war bereits vorbereitet. Transparente Instrumententische standen ordentlich sortiert bereit, jede Klinge, jedes Werkzeug exakt ausgerichtet. Darüber schwebten mehrere medizinische Interfaces, die Vitaldaten in Echtzeit erfassen würden. Ein autonomer Assistenzarm ruhte bewegungslos in seiner Halterung an der Decke, bereit, auf Sprachbefehle zu reagieren.<br />
<br />
In der Mitte stand der Stuhl.<br />
<br />
Übergroß. Gepolstert. Komfortabler als vieles, worin Soldaten vermutlich freiwillig schliefen.<br />
<br />
Briar verlangsamte ihre Schritte, als sie daran vorbeiging.<br />
<br />
Nur minimal.<br />
Kaum sichtbar.<br />
Aber genug.<br />
<br />
Ihr Mund verzog sich leicht, als sie an die letzte Person dachte, die in diesem Stuhl gesessen hatte, um ihr bei ihrem Projekt zu helfen.<br />
<br />
Letitia.<br />
<br />
Vor wenigen Wochen hatte die Soldatin noch genau dort gesessen. Beine locker überschlagen. Eine ihrer trockenen Bemerkungen auf den Lippen, während Briar Gewebeproben entnommen und parallel drei andere Dinge gleichzeitig erklärt hatte, die absolut niemand außer ihr interessant fand.<br />
<br />
Jetzt war sie tot.<br />
Der Platz leer.<br />
<br />
Und obwohl Briar nicht zu denen gehörte, die sich in Trauer verloren oder stundenlang sentimental vor sich hin zerfielen, zog sich für einen kurzen Augenblick etwas dumpf in ihrer Brust zusammen.<br />
<br />
Frisch genug, um noch weh zu tun.<br />
<br />
Sie blieb einen Herzschlag länger stehen, ließ den Blick über die Lehne des Sessels wandern und atmete langsam durch das transparente Visier aus.<br />
<br />
<ina> "Verdammt beschissener Zeitpunkt zum Sterben"</ina>, murmelte sie leise in den Raum hinein.<br />
<br />
Trocken.<br />
Fast genervt.<br />
Und gerade deshalb ehrlich.<br />
<br />
Dann richtete sie die Schultern wieder auf und machte weiter. So funktionierte das Leben nun einmal. Vor allem in diesem Rudel.<br />
<br />
Menschen starben.<br />
Soldaten verschwanden.<br />
Und genau deswegen stand sie hier.<br />
<br />
Nicht für Ruhm. Nicht für wissenschaftliche Anerkennung. Nicht für irgendwelche idiotischen Medialen-Auszeichnungen, die am Ende sowieso nur aus selbstgefälligen Leuten bestanden, die sich gegenseitig Preise dafür verliehen, besonders effizient mit Zahlen jonglieren zu können.<br />
<br />
Sie tat das hier, damit niemand ihres Rudels jemals einfach spurlos verschwand.<br />
Damit jemand gefunden werden konnte, bevor es zu spät war.<br />
Bevor wieder nur Stille zurückblieb.<br />
<br />
Ein leises Signal erklang an der Außenschleuse des Labors.<br />
<br />
Cyrel.<br />
<br />
Briar hob den Blick zu den Sicherheitsanzeigen, die seine Identität bestätigten. Für den Bruchteil einer Sekunde musterte sie ihr eigenes Spiegelbild in der Glasfläche daneben.<br />
<br />
Kaum wiederzuerkennen.<br />
<br />
Ihre wilde rote Lockenmähne war vollständig gebändigt und ordentlich hochgesteckt. Kein einziges widerspenstiges Knäuel sprang in alle Richtungen wie sonst. Die klinische Kleidung saß ungewohnt ordentlich an ihr, der dunkle Kasack sauber und faltenfrei. Handschuhe bedeckten ihre Hände, während das transparente Visier vor ihrem Mund ihr Gesicht leicht verzerrte.<br />
<br />
Keine Bandshirts.<br />
Keine Snackkrümel auf dem Stoff, keine ölverschmierten Finger.<br />
Keine zerschlissenen Jeans.<br />
<br />
<br />
Heute war sie nicht der chaotische Wirbelwind, den das Rudel gewohnt war.<br />
Heute war sie Wissenschaftlerin.<br />
<br />
Und ihr verdammtes Meisterwerk würde funktionieren!<br />
<br />
<ina> "Komm rein, zieh dich aus. Ich muss dich dekontaminieren und anschließend deinen Rücken desinfizieren, ehe ich dich nach hinten bringe."</ina> Einen Moment lang stockte sie. Sah zu dem Soldaten auf, der vor ihr stand. Erinnerte sich an das, was man ihr immer wieder riet. Erinnerte sich an ihre Erziehung. Die 'gute Kinderstube'. Und weil sie nicht im Wald bei wilden Tieren aufgewachsen war, wusste sie auch genau, womit sie eigentlich hätte anfangen sollen. <ina> "Hallo. Danke, dass du dich gemeldet hast."</ina><br />
<br />
Sie musste ihre Versuchskaninchen ... personen, Versuchspersonen! bei Laune halten. Immerhin war ihre eigene Genialität nur eine Seite der Medaille und sie brauchte die Wandler, um die Funktionalität ihres Prototyps sicherzustellen. Die Alphaversion war vielversprechend gewesen doch Fehleranfällig, sie hoffte sehr darauf, dass sie in der Betaversion alles ausgemerzt hatte.]]></content:encoded>
		</item>
	</channel>
</rss>